“Ein wichtiger Schritt nach vorn”

Ein Interview mit Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga über die Wahlen und die Lage in Honduras.

Vor den Wahlen in HondurasHerr Kardinal, Sie waren bei der Amtseinführung Manuel Zelayas dabei und galten als enger Berater, haben sich dann aber vom Präsidenten distanziert und ihm nach seinem Sturz nahegelegt, er solle nicht zurückkehren. Was ist da vorgefallen?

Eine der grössten Enttäuschungen war für mich,  dass diese Regierung vom Schuldenerlass profitiert hat, für den sich unter anderem die Kirche sehr eingesetzt hat, und so 400 Millionen Dollar jährlich zur Verfügung hatte für soziale Projekte. Zu Beginn gab es auch gute soziale Programme, dann aber wurde leider alles dem Projekt der Wiederwahl untergeordnet. Die internationale Gemeinschaft hat das nicht wahrgenommen.

Wegen dieser Haltung sind Sie mehrfach bedroht worden und stehen unter besonderem Personenschutz. Woher kommen diese Drohungen?

Sie kamen zunächst von Hugo Chavez aus Venezuela. Er hat mich beschimpft und verkündet, ich werde entführt werden. Seither erhalte ich wöchentlich anonyme Drohungen per Telefon, ein Bombenanschlag auf meine Residenz wurde vereitelt. Auch die Mauern der Kathedrale und der ganzen Stadt sind vollgeschmiert mit Parolen des Widerstands gegen mich, zum Beispiel “tötet den Kardinal“. Seither kann ich aus Sicherheitsgründen keine Messen in der Kathedrale mehr lesen.

Hat der Konflikt die Kirche gespalten? Es gab ja beispielsweise einen Pfarrer, der lange bei Zelaya in der brasilianischen Botschaft verschanzt war?

Die Kirche hat zwei Erklärungen abgegeben, die ich verlesen habe und auf einem breiten Konsens basierten. Dieser Pfarrer, von dem Sie sprechen, ist ein verirrtes Schäflein. Er hat von Anfang an den Widerstand mit organisiert. Inzwischen hat er das aber bereut und die Botschaft verlassen.

Welche Rolle wird die Kirche jetzt nach den Wahlen spielen?

Die Wahlen werden das Problem nicht lösen, sie sind aber ein wichtiger Schritt nach vorne. Die Kirche wird sich für die Aussöhnung einsetzen. Wir Honduraner können  unterschiedlich denken, aber deshalb sind wir keine Feinde. Und wichtig ist auch die soziale Gerechtigkeit. Das muss der neuen Regierung klar sein.

Von Sandra Weiss
Foto: Achim Pohl