„Alleine sind wir nichts“

Bienvenidos al Parque Nacional Chaco!

Bienvenidos al Parque Nacional Chaco!

Resistencia, 22. November 2011, 6 Uhr. Früh aufgestanden, trotz später Ankunft. Aber was ist spannender, als über den Urwald Südamerikas zu fliegen. Eigentlich geht‘s darum, sich ein Bild von den Massenrodungen im Chaco zu machen, aus denen dann Sojafelder werden. 100 000 Mio Tonnen werden pro Jahr in Argentinien angebaut. In ein paar Jahren sollen es 150 000 Tonnen werden. In der Provinz Chaco ist noch Platz. Der Preis liegt derzeit weit über 400 Dollar pro Tonne. Das bringt viel Geld. Sicher, auch der Staat kassiert, 35 %. Einiges fließt in Sozialprojekte. Aber das Problem der Armut in den Randlagen der Hauptstadt oder bei den Kleinbauern wird wohl trotz Kindergeld und Netbooks für die Schulkinder nicht gelöst. Ein strukturelles Problem des marktliberalen Kapitalismus, hat uns Nobelpreisträger Perez Esquivel in Buenos Aires erklärt. Der Künstler, der am 26. November 80 Jahre alt wird, ist Anhänger der Befreiungstheologie. Vor etwa 20 Jahren hat er das berühmte Hungertuch gemalt. Aber wer kann das „System“ aufhalten? Beim Warten auf den Bus kommen so manche Gedanken. Vielleicht geben ja die Leute vor Ort eine Antwort, die Aktivisten von INCUPO oder die Nationalparkwächter, die wir nach dem Flug treffen wollen. Verkohlte Baumstümpfe und gefällte Urwaldriesen vor Augen fällt mir eine Fußnote ein, aus einem geschmähten Buch, auf das sich in den 70er Jahren auch die Befreiungstheologen stützten, neben der Bibel. Das Zitat stammt von P.J. Duning aus dem Jahr 1860 und charakterisiert das Wesen von Profit: „50 Prozent positiv und waghalsig, für 100 % stampft es alle menschlichen Gesetze unter den Fuß … 300 % …“

Uns bleibt der Blick aus dem Kleinflieger erspart. Starker Regen hat die Piste aufgeweicht. Da hätten wir auch ausschlafen können. Aber wir sind ja Idealisten. So fahren wir mit dem Bus in den Chaco-Nationalpark.

Campesinos im Chaco-Nationalpark.

Campesinos im Chaco-Nationalpark.

Auf der Karte ist das ein kleiner roter Fleck, inmitten riesiger gelb und grün angelegter Flächen. Das sind die lt. Gesetz erhaltenswerten bzw. für die Rodung frei gegebenen Gebiete. Im Park soll es noch Pumas und Schlangen geben. Wir hören den Singsang der Vögel und Kröten. Gekommen sind Vertreter eines Runden Tisches. Das sind Kleinbauern, Vertreter von INCUPO, der Parkverwaltung, eines Ministeriums. Zusammen essen wir gegrilltes Rindfleisch, und hören dann lange zu, wie sich die Bewohner gegen die Großagrarier wehren, gegen den expansiven, profitbringenden Sojaanbau. „Alleine sind wir nichts“, sagt eine Frau mit gegerbten Händen und wachen Augen. Es ist schon später Nachmittag – wir müssen weiter nach Formosa …

Text: Wolfram Nagel
Fotos: Carolin Kronnburg

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Adveniat ist mit sieben Journalisten in Argentinien, Paraguay und Brasilien unterwegs. Im Adveniat-Blog berichten sie. Höhepunkt der Reise ist die Eröffnung der Adveniat-Aktion am 27. November, die dieses Jahr erstmalig in Lateinamerika stattfindet.