Mexiko: „Lebend haben sie sie uns genommen, lebend wollen wir sie wieder!“

Julio César. – Wir erwarten dich!

Ramón José, mein geliebter Sohn, ich liebe dich und bete immer für dich! – Wir erwarten dich!

Ernesto, mein lieber Bruder, wo auch immer du bist, wir werden nicht aufgeben, dich zu suchen! – Wir erwarten dich!

Reihum werden die Namen der Veschwundenen von den Familienangehörigen genannt, einzeln wird den Verschwundenen durch die Gruppe zugesagt. „Wir erwarten dich!“ An die 15 Frauen und ein Mann sind es, die als Angehörige ihre Lieben suchen. Irgendwann ist der Mann, die Tochter, der Sohn verschwunden. Einfach so. Manche wurden zuletzt mit der Polizei gesehen. 2009, 2010, 2011 – die Zahl der Fälle eines „zwangsweise Verschwindenlassen von Personen“ („desaparición forzada“), wie der juristische Terminus heißt, ist in Mexiko in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Waren es in den 30 Jahren davor an die 25 Fälle allein im nördlichen Bundesstaat Coahuila, so sind es in den letzten drei Jahren allein mehr als 230 Fälle, die dokumentiert sind.

Die Mütter, ein Vater, die Schwestern und Tanten der Verschwundenen haben sich im Diözesangebäude der Diözese Saltillo getroffen, um mehr zu wissen über ihre Rechte bzw. die Pflichten des Staates. Obwohl meist das Organisierte Verbrechen hinter diesen Fällen vermutet wird, ist die Stoßrichtung der Arbeit des Menschenrechtszentrums Fray Juan de Lario der Diözese Saltillo eine andere. Die verantwortlichen Stellen wie Polizei und Staatsanwaltschaft werden in den Blick genommen.

„Mir hat der Staatsanwalt gesagt, ich solle meinen Mann für tot erklären. Nur so würde ich eine Witwenpension erhalten.“ Aber es geht den versammelten Familienangehörigen nicht darum, finanziell abgefertigt zu werden. Sie wollen die Wahrheit über das Verbleiben ihrer Lieben wissen. Sie tot zu erklären, würde den Mantel des Schweigens über die Sache legen. Und den staatlichen Stellen Unannehmlichkeiten ersparen. Denn durch ihre meist mangelhaften Untersuchungen und oftmalige Untätigkeit bleibt dem Organisierten Verbrechen und ihren Verbündeten in öffentlichen Ämtern freie Hand.

Daher setzten sich die Frauen mit juristischen Begriffen, rechtlichen Artikeln, der Verfassung der Vereinigten Staaten von Mexiko und dem Rom-Statut des Internationalen Strafgerichtshofes auseinander. Sie müssen um ihre Rechte wissen, um die Beamten an ihre Pflichten zu erinnern. Um sie daran zu erinnern, das sie Diener des Volkes und von den SteuerzahlerInnen bezahlt sind, um u.a. für die Sicherheit und Rechtssprechung im Land zu sorgen.

Die Kraft und Entschlossenheit der Familienangehörigen entstammt dem gemeinsamen Schmerz um ihre Lieben. Ihre Namen laut zu nennen macht die Verschwundenen gegenwärtig. Tränen fließen, eine Mutter schluchzt laut. Alle umarmen sich einzeln, um die Verbundenheit im Schmerz und die Kraft des gemeinsamen Vorangehens zu stärken. Um sich nicht abfinden zu lassen mit billigen Lösungen, sondern Aufklärung und Gerechtigkeit zu erwirken. Und um den Verantwortlichen in den Banden der Organisierten Kriminalität und den Mitverantwortlichen im Staat zu zeigen, dass sie nicht ungesehen weitermachen können wie bisher.

So stehen jeden Montag um fünf Uhr die Angehörige der Verschwundenen auf dem Hauptplatz von Saltillo, um sichtbar zu machen, was keiner sehen will: Hier geschehen Verbrechen gegen die Menschlichkeit!

Und um den geliebten Menschen zuzusprechen: Wir erwarten dich! Lebend!

Text und Fotos: Magdalena Holztrattner