Paraguay: Dürre, Flut und Landvertreibung

Mit brachialer Gewalt schießt das Wasser die Straße in Asuncion hinunter. Die ersten Autos stehen quer, der Regen staut sich 20 Zentimeter hoch in den Gassen. Dabei haben sich die Schleusen erst vor wenigen Minuten geöffnet. – In Paraguay ist Regenzeit. Da entwickelt sich die Straße regelmäßig innerhalb von Sekunden zu einem Sturzbach. Für uns Mitteleuropäer, die wir lediglich eine leichte Dauerberieselung gewöhnt sind, ein kleines Abenteuer. Für die Paraguayer eine Herausforderung, mit der sie von Februar bis April zu kämpfen haben, genauso, wie in den übrigen Monaten die Erde im Chaco zu einer Wüste austrocknet.

Mit unserem gut motorisierten Jeep schaffen wir es mit Hermana Isabel unter Fontänen aus Wasser und Schlamm aus der Stadt heraus und machen uns auf den Weg in den Chaco. Ein Weg von etwa 350 Kilometern, für den wir knapp sieben Stunden brauchen werden. Sieben Stunden auf einer Straße, die als einzige asphaltierte im ganzen Chaco ohne den Ansatz einer Kurve schier endlos geradeaus geht. Sieben Stunden lang rattern wir über unzählige Schlaglöcher und wir sehen nur Straße, Straße, Straße, Palmen, Palmen, Palmen und – Regen!

Je weiter wir in das Gebiet des Chaco eindringen, umso deutlicher wird, wie sehr die Menschen hier von den Wetterbedingungen abhängig sind. Viele der Indigenen leben in einfachen Hütten, gebaut aus Holzpfählen, Planen, Stoffresten, Plastiktüten, die dem Sturzbach vom Himmel keine Minute standhalten. Andere sind durch die Regengüsse völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Die ohnehin kaum befahrbaren Wege sind überschwemmt und mit der Umgebung zu einem Meer aus Schlamm verschwommen.

Die eigentliche Tragik der Unmengen an Regen ist, dass es in dem dürregeplagten Land kaum Möglichkeiten gibt, das Wasser zu speichern. Die wenigen kleinen Auffangbehälter sind nach einigen Stunden vollgelaufen, das restliche kostbare Süßwasser versickert ungenutzt im Boden.

Kurz vor unserem Zielort Mariscal fahren wir an unzähligen kleinen Hütten vorbei – Indigene, die an der Straße ihr selbst angebautes Gemüse verkaufen. Hermana Isabel sieht sofort, dass einige davon neu sind. Nur zwei Tage war sie in Asuncion. In dieser Zeit ist am Straßenrand eine kleine Zeltstadt aus dem Boden geschossen. – Landlose Indigene, die wieder einmal irgendwo aus ihrem Gebiet vertrieben wurden und nun nach einer neuen Heimat suchen. Spätestens hier wird offensichtlich, dass das Land nicht nur mit Dürre und Flut zu kämpfen hat. Eines der größten Probleme, die Paraguay schon seit Jahrzehnten in Unfrieden versetzt, ist das der Landverteilung.

Dabei ist in diesem dünnbesiedelten Land eigentlich mehr als genug Platz. Bei einer Fläche knapp so groß wie Deutschland, hat Paraguay gerade einmal ein Fünftel der Einwohner. Doch der Konflikt um die Ländereien nimmt nicht ab. Immer wieder gehen Tausende von Hektar in die Hand ausländischer Investoren. Die Indigenen, deren Heimat dies häufig ist, werden vertrieben und im Stich gelassen. Verstärkt wird diese Problematik durch die boomende Sojaproduktion, die Großgrundbesitzer wiederum motiviert, noch mehr Ländereien an sich zu reißen, um dort Plantagen zu betreiben. Die Kirche tritt bereits seit Jahrzehnten in diesem Konflikt für die Rechte der Indigenen ein. – Ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.

Text und Fotos: Mareille Landau