Chile: Gottesdienst auf Mapuche – intensiv und nah

Im gleichmäßigen Rhythmus schlägt Pater Carlos die Trommel. Leise, um das Gebet zu untermalen, nicht zu stören. Ein Junge spielt den gleichen Takt mit der Maultrommel. Zu den meditativen Klängen sprechen die Menschen in der kleinen Kapelle ihre Fürbitten: Sie danken für den ersehnten Regen, der in der Nacht endlich gefallen ist, sie bitten für die Menschen, die das Meer bei einem Flugzeugabsturz vor zwei Wochen verschluckt und noch nicht wieder hergegeben hat, um Schutz für sich und ihre Familien und für die Besucher aus Deutschland, die heute an ihrer Messe teilnehmen. Die meisten der elf einheimischen Gläubigen sprechen eine Fürbitte, ausführlich, sie nehmen sich Zeit. Ist die Bitte ausgesprochen, wird das Trommeln von Pater Carlos lauter. Auf Mapudungun, der Sprache der Mapuche, singt er den Fürbittruf. Doch nicht nur der Ruf, auch die Trommel stammt aus der Kultur der Mapuche: Sie heißt Cultrún und wird bei den Mapuche genutzt, um mit Gott in Verbindung zu treten. Mit solchen Mitteln versucht Pater Carlos, die Kultur des Urvolkes und den katholischen Glauben zu verbinden. Seit acht Jahren lebt der Jesuit bei den Mapuche. In einer kleinen Kommunität in der Nähe von Tirúa, rund 250 Kilometer südlich der Hafenstadt Concepción. 14 kleine Gemeinden betreuen die Ordensleute. Hier feiern sie regelmäßig Messen, wie an diesem Sonntag in „Las Missiones“, weniger Kapelle als selbst gezimmerte Holzhütte.

Die Messe ist voller Nähe und intensiver Momente. Ungewohnt für mitteleuropäische Katholiken. So etwa kurz nach Beginn: Alle knien nieder. Pater Carlos in der Mitte spricht ein langes Gebet. Danach geht er durch die Reihen und segnet jeden Einzelnen. Er senkt seinen Kopf, berührt zum Teil den Kopf des anderen, betet leise, um Schutz und Segen für jeden Einzelnen. Als er alle gesegnet hat, kniet sich Pater Carlos selbst vor den Altar, mit Blick in die Gemeinde. Sonya, die Vorsteherin der kleinen Gruppe, segnet den Pater.

Die Predigt: eine Mischung aus Diskussion und Katechese. Was braucht ein Samenkorn, um zu wachsen, um zu einem großen Baum zu werden? „Luft, Wasser, Erde, Wind“, sagen die Mapuche. Und was braucht eine Familie, um zu wachsen? „Liebe, Gesundheit, Nahrung, Bildung, Glaube.“ Ein junger Mann berichtet ausführlich von seinen Erfahrungen und Sorgen um die Familie. Pater Carlos hört zu, stellt Fragen.

Der Jesuit verbindet Glauben und Liturgie mit Kultur und Alltagsleben der Mapuche. Und: Er teilt ihr Leben. Mit seinen Mitbrüdern wohnt er in einer Holzhütte, ohne fließend Wasser, mit Plumpsklo hinter dem Haus. Trotz guter Ausbildung und der Mitgliedschaft in einem internationalen Orden mit vielfältigen Möglichkeiten hat sich Pater Carlos für dieses karge Leben am Rand der Gesellschaft entschieden. Wenn man sieht, wie er die Trommel schlägt, in ihrem Klang ins Gebet versinkt, merkt man: Bei den Mapuche hat er seine Berufung gefunden.

Ulrich Waschki, Chefredakteur der Verlagsgruppe Bistumspresse in Osnabrück

Im Vorfeld der Adveniat-Aktion ist eine Gruppe von acht Journalistinnen und Journalisten derzeit mit Adveniat in Chile unterwegs, um mit Vertretern der Kirche zu sprechen und sich ein Bild über die Situation im Land zu verschaffen. Im Blog berichten die Teilnehmenden über die Reise.

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