Das Recht auf das eigene Land: Vila Autodromo

Rammen dröhnen, Abrissbagger graben ihre große Schaufeln in den Schutt, die Kulisse wirkt wie in einem Kriegsfilm: Von den meisten Häusern des Viertels Vila Autodromo in Rio de Janeiro sind nur noch Ruinen übrig.

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„Wir wollen hier nicht weg!“ Angesichts der Bagger und Planierraupen klingt der Aufruf von Maria Penha zwar fest, aber irgendwie verloren. Denn die Türme des Olympiaparks wachsen nur hundert Meter weiter in gigantische Höhen. Keine Chance, dieser Perspektive zu entkommen. Dennoch: Die kleine Frau wirkt entschlossen.

Vila Autodromo war eine Vorzeigefavela. Keine Gewalt, kein Drogenhandel, ein funktionierendes Miteinander mit Fußballclub, gegenseitiger Hilfe und eigener Kapelle. Doch die Favela lag am falschen Ort. Denn als bekannt wurde, dass Rio de Janeiro Austragungsort der Olympischen Spiele würde, erwachte das Interesse großer Immobilienunternehmen – und auch der Stadt. Obwohl die Favela keine „Invasion“ ist, also nicht illegal errichtet wurde, sondern die Bewohner rechtmäßige Besitzer ihres Landes mit entsprechenden Papieren sind, begann der Druck auf die rund 300 Familien in der Favela.

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„Man bot den Familien Geld an, viele griffen zu – zumal die Infrastruktur immer schlechter wurde“, berichtet Luiz Claúdio da Silva, der seit mehr als zwanzig Jahren in der Favela wohnt. Niemand wohnt gern in einem Viertel, das ständig von schlammigen Zufahrtswegen großer Lastwagen gekreuzt wird, in dem auf einmal die Wasserversorgung nicht mehr richtig funktioniert, wo der Lärm der Baustelle allgegenwärtig ist. „Später boten sie den Familien, die übrig blieben, noch mehr Geld an. Jetzt sind von den 300 nur noch 30 Familien übrig.“ Die aber sind fest entschlossen nicht zu weichen. Den Demonstrationen der Bewohner setzt die Stadt Entschlossenheit und auch polizeiliche Gewalt entgegen.

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Im Juni kam es zu einem Polizeieinsatz, bei dem auch Gummigeschosse gegen die Bewohner eingesetzt wurden. Ein Foto zeigt Maria Penha blutüberströmt mit einer großen Wunde knapp unter dem Auge. „Die Stadt behandelt uns wie Verbrecher.“

Auch die Kapelle steht noch. „Solange hier Menschen wohnen, wird die Kirche die pastorale Arbeit hier fortsetzen“, betont Padre Tiago. „Wir stehen an der Seite der Menschen.“ Jeden Sonntag feiern die Menschen daher in den kleinen Kapelle weiterhin den Gemeindegottesdienst.

„Uns geht es nicht m Olympia. Megaevents wie die Olympischen Spiele bringen Arbeitsplätze und Geld in die Stadt, die Touristen sind wichtig für Rio“, betont Luiz. „Es geht uns darum, dass hier einfach über unsere Köpfe hinweg entschieden wurde, weil einige Unternehmen das große Geld machen wollen. Richtig viel Geld.“

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Wie das aussieht, kann man nur zwei Kilometer weiter besichtigen. Dort sind die Hochhäuser des Olympischen Dorfes nahezu fertiggestellt. Eine perfekt anmutende Präsentation entführt den Immobilien-Interessenten in die „Welt der Zukunft“, wie es werbend heißt. Denn die Appartments, die während der Olympischen Siele die Athleten beherbergen werden, sind zum großen Teil bereits an wohlhabende Privatleute verkauft, die hier im Herbst 2016 einziehen wollen. Ab 700.000 Reais gehen die Preise für die Appartments nach oben, je nach Größe, Lage und Ausstattung. Die Stadtverwaltung hat inzwischen dafür gesorgt, dass das neue Stadtviertel optimal an die Stadt angebunden wird. Drei der neuen Metro- und Schnellbuslinien führen in das Olympische Dorf und machen die Immobilien um so lukrativer.

„Willkommen in Ihrer Zukunft“, werben die Prospekte in übergroßem Format auf Hochglanz. Für die Menschen in Vila Autodromo bleibt dies ein Traum. Denn eine solche Immobilie werden sie sich kaum leisten können. So löst sich die Favela auf, jede Familie sucht sich irgendwo ein neues Zuhause, ihre eigene neue Zukunft.

Text: Christian Frevel

Fotos: Martin Steffen