„Was Haiti betrifft, betrifft auch uns“,

waren die Worte des dominikanischen Taxifahrers, als ich ihn danach fragte, welche Auswirkungen das Erdbeben in Haiti vor einem Jahr auf die Dominikanische Republik gehabt hat. „Die Zahl der Emigranten hat sich verdoppelt. Jeder ist gekommen. Wer drüben gut gelebt hat, ist gekommen. Und wer drüben schlechte gelebt hat, ist auch gekommen. Weil hier verhungert kein Haitianer. Wir sind so was wie das Taschentuch der Haitianer, das alle Tränen trocknet.“ Das ist in einigen Aspekten auch mein Eindruck hier auf der Insel: die Solidarität der Dominikaner mit der haitianischen Bevölkerung ist durch das Erdbeben sehr stark gestiegen. Die Geschwisterschaft, die sich hauptsächlich darin begründet, die selbe Insel zu bewohnen, ist gewachsen.
Trotzdem sind die Vorurteile weiterhin groß. Seit im 19. Jahrhundert der Ostteil der Insel durch den gerade unabhängig gewordenen Staat Haiti besetzt wurde und dieser auch den Sklaven der Dominikanischen Republik die Freiheit bringen wollte, herrschen große rassistische Vorurteile gegen die Haitianer. „Sie haben keine Hygiene. Sie machen ihr großes Geschäft in eine Plastiktüte, die sie dann ins Grüne werfen. Deshalb haben sie jetzt auch die Cholera. Und wenn die Haitianer jetzt bei uns sind, dann ist die Gefahr groß, dass auch wir die Cholera bekommen.“ So die weit verbreitete Meinung. Dass Haitianer wegen der fehlenden Aufenthaltspapiere 90% der schweren Arbeiten am Bau verrichten – schwarz und unbezahlt-, wird nur selten erwähnt.
Auf meine Frage, welche Zukunft er für den gebeutelten Nachbarstaat sieht, zuckt der Taxifahrer mit den Schultern. „Schau mal“, schließt er, „Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg viel mehr zerstört als Haiti jetzt. Und hat heute eine blühende Wirtschaft und die Menschen leben gut. Aber Staaten wie die USA, Frankreich oder die EU haben kein Interesse daran, ein funktionierendes Haiti aufzubauen. Haiti ist denen egal.“
Ja, nicht alles, was Haiti betrifft, betrifft auch uns.

Magdalena Holztrattner