Brasilien: Eine unsichere Zukunft

Brasilien steckt in der schwersten wirtschaftlichen Krise seit Jahrzehnten. Das bedeutet: noch mehr Arbeitslose, weitere Ausbeutungen. Journalist Thomas Milz und Fotograf Florian Kopp reisen für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat durch den Bundesstaat São Paulo und treffen Menschen, die damit zu kämpfen haben.
Zwei Männer schauen unter ein Auto

Victor mit seinem Schwager Anderson in dessen Werkstatt. Foto: Florian Kopp/Adveniat

An der Küste, 50 Kilometer von São Paulo entfernt, liegen die Städte Santos, Brasiliens wichtigster Hafen, und São Vicente, die erste Siedlung der Portugiesen auf dem südamerikanischen Kontinent. Im Hinterland der beiden Städte ragen die Schornsteine und Industriekomplexe von Cubatão in den Himmel, einst einer der wichtigsten Industriezentren Brasiliens. Die Öl- und Chemieindustrie hat hier das Erdreich und das nahe Meer auf Jahrzehnte verschmutzt. Jetzt ist die Industrie in Krise, hunderte Arbeitsplätze sind verloren gegangen.
 
Wir fahren nach Villa Margarida, ein Armenviertel am Rande von São Vicente. An einer Ecke steigen dicke Qualmwolken bis ätzendem Gestank auf. Irgendjemand hat die über die Straße hängenden Stromkabel gekappt. Jetzt brennen sie die Isolierung runter, um den Kupferdraht zu verkaufen. Wir mögen vorsichtig sein, warnen uns unsere Gastgeber der JOC (Juventude Operária Cristã), der Christlichen Arbeiterjugend, deren Arbeit seit Jahren vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt wird. Eine Drogenbande hat in der Vila ihr Hauptquartier, und Überfälle sind an der Tagesordnung.  Für Jugendliche ist São Vicente kein gutes Pflaster. Die Stadt ist eine der ärmsten im ansonsten reichsten Teilstaat Brasiliens.

Eine Chance?
 
Das erfahren auch der 22 Jahre alte Victor Fernandes Gomes und seine Freundin Daiana Soares de Souza (19). Gemeinsam führen sie in der Vila Margarida eine Trachtentanzgruppe an, die im ganzen Teilstaat bekannt ist. Daianas Mutter näht die Kostüme. Sie träumt davon, dass ihre Tochter einmal ein Studium abschließen und einen guten Job bekommen kann. „Der sollte schon 600 bis 700 Euro im Monat einbringen“, meint die Mutter. Daiana hat sich angestrengt, hat Monate lang gebüffelt. Und versucht, nebenher ein wenig Geld zu verdienen. „Einen echten Job hatte ich jedoch noch nie“, sagt sie.
 

Ein Mann und eine Frau tanzen

Victorund Daiana tanzen „Quadrilha“. Foto: Florian Kopp/Adveniat

Jetzt hat sie endlich ihre Universitätszulassung. Das Geld für den Bus dorthin muss sie sich irgendwie verdienen. Noch verkauft sie Lotterie-Tickets. Viel kommt dabei nicht zusammen. Lotterie-Tickets hat auch ihr Freund Victor verkauft. Doch an manchen Tagen kamen dabei nicht mehr als 2 Euro raus. Nun hat er eine neue Chance in einem Fast-Food-Laden in Aussicht. Für die 100 Stellen haben sich mehr als 6.000 Jugendliche beworben. Victor war für 8 Uhr morgens zum Bewerbungsgespräch eingeladen, um 17 Uhr kam er schließlich dran.
 
Er habe Glück gehabt, sagt er. Etwas mehr als einen Mindestlohn, rund 300 Euro, wird er verdienen, dazu noch eine Krankenversicherung. „Die Überstunden werden sie wohl nicht bezahlen“, das ist ihm jetzt schon klar. „Sie werden die Angestellten ausbeuten, und man wird keine Chance haben, das Restaurant deshalb zu verklagen.“

Ein Rohdiamant
 
Sein Job wird darin bestehen, das Geschirr zu waschen. Und den Fußboden zu wischen. „Gut, dass mich Daiana damals gezwungen hat, meine Schule fertig zu machen. Denn wer keine abgeschlossene Mittelstufe hat, wurde erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen.“ So beginnt Victor die nächste Etappe seines Arbeitslebens. Mit 22 hat er schon mehr hinter sich als viele andere. Sechs Arbeitsverhältnisse stehen in seinen Arbeitspapieren, nie war es wirklich das was er wollte. Aus einer früheren Beziehung hat er einen zweijährigen Sohn, den die Oma jetzt mit großzieht. Er braucht Geld.
 
„Victor hat so viele Talente, er ist ein Rohdiamant“, sagt sein Schwager Anderson, in dessen Autowerkstatt Victor stets aushilft. Er würde ein toller Mechaniker sein, so Anderson. An Talenten mangelt es Victor tatsächlich nicht, er war Landesmeister im Capoeira-Kampftanz, hat als Jugendlicher Preise für sein Querflötenspiel eingeheimst. Dass er seine Talente nicht nutzt und stattdessen auf den Job als Tellerwäscher setzt, verstehen seine Freunde von der Christlichen Arbeiterjugend nicht. Wenn einer die Chance hat, sich eine bessere Zukunft aufzubauen, dann Victor.
 
Er sei ein geborener Anführer, sagen alle. Auch Victor selber weiß das. Vielleicht werde er in der sich in der Christlichen Arbeiterjugend stärker engagieren, überlegt er. Das wäre gut für seine persönliche Entwicklung, meinen auch seine Freunde. Noch stehen ihm die Türen offen, seinem Leben eine entscheidende Wende zu geben.