Agro ist Pop?

In Brasilien hat das Agrobusiness in den letzten Jahren weiter an ökonomischer und politischer Macht gewonnen. Deswegen beschäftigten sich die Teilnehmer der diesjährigen Frühjahrstagung der Kooperation Brasilien KoBra in Köln vorrangig mit der neuen Macht des Agrobusiness in Brasilien. Bei Podiumsdiskussionen und in Workshops wurde über die aktuelle Situation im Land informiert und diskutiert, auch wurde versucht, einen Umgang damit zu finden.

Matheus Gringo de Assunção (2.v.r.) von MST auf dem Podium der KoBra-Tagung

Matheus Gringo de Assunção und Ceres Hadich von der Landlosenbewegung MST in Brasilien berichteten von neuen Bedrohungen im Land. „Wir haben viele Probleme mit Agrargift. Dann fliegt ein Flugzeug über ein bestimmtes Gebiet und besprüht von oben alles mit Pestiziden – manchmal auch uns. Menschen werden davon krank, Pflanzen, wie unsere Früchte und unser Gemüse, sterben“, sagte die Agronomin Ceres Hadich aus dem Bundesstaat Paraná. In Brasilien werden weltweit am meisten Pestizide eingesetzt.

Ceres Hadich, Agronomin von MST Paraná

Matheus Gringo de Assunção ist erschreckt, wie sehr das Agrobusiness und seine „Machenschaften“ verherrlicht werden: „Vor allem in den großen Medien wird es als modern und cool dargestellt und eben nicht als Gefahr. Eine Gefahr sind die Kleinbauern, die angeblich noch wie Cowboys bewaffnet herumreiten und auf alle und alles schießen.“ Brasiliens größter TV-Sender Globo hat sogar eine Werbekampagne geschaltet mit dem Slogan: „Agro ist Pop, Agro ist Tech, Agro ist Alles“, in der das Agrobusiness als hippes Erfolgsmodell präsentiert wird. Die Großunternehmer würden von der aktuellen Regierung bevorzugt und bekämen immer mehr Land. Vor allem Kleinbauern und Indigenen leiden darunter, da sie immer mehr Land verlören und an den Rand gedrängt werden. „Es geht hier aber nicht nur um Land, sondern auch um Wasser, das in Brasilien immer weniger wird. Es ist viel mehr als nur ein Kampf um Land – es ist ein Machtkampf“, sagte Ceres Hadrich.

Der spielt sich auf höchster politischer Ebene ab. Brasiliens Ex-Präsident Lula wurde jüngst wegen Korruption festgenommen, andere Politiker, die in Korruption verwickelt sind und gegen die es Beweise gibt, sind noch auf freiem Fuß. Für Ceres Hadrich kam das aber nicht überraschend: „Die Haft von Lula gehört für uns zur Strategie der Opposition, genau wie die Amtsenthebung von Dilma und die Demoralisierung der Arbeiterpartei PT. Wir haben schon damit gerechnet, dass nach dem Putsch so etwas passieren wird. Es war nicht einfach für unsere Gegner, denn wir haben lange dagegenhalten können. Aber die richterliche Gewalt regiert zurzeit vollkommen autonom und steht über allen und allem.“ Diese Entwicklungen führen dazu, dass sich die brasilianische Gesellschaft immer mehr in rechts und links spaltet. „Wir erleben einen Moment in dem sich bestimmte, entgegengesetzte Kräfte reorganisieren und wieder um die Vorherrschaft in der Gesellschaft kämpfen. Diese Kräfte sind die sozialen Klassen, die sich für ihre Ideale und Ideen einsetzen und sich neu positionieren. Brasilien wird neu geordnet“, sagte die Brasilianerin.

Doch was kann gegen die Bedrohungen vor allem vonseiten der Agroindustrie getan werden? „Aufklären, informieren, mobilisieren“, sagt Matheus Gringo de Assunção, Generalsekretär der MST in São Paulo, „und Öffentlichkeit schaffen. Nur so können wir Widerstand leisten und zeigen, dass uns nicht egal ist, was in Brasilien passiert und wie sich das Land weiterentwickelt.“

KoBra vernetzt im deutschsprachigen Raum Brasiliengruppen, engagierte Einzelpersonen und Organisationen, die sich solidarisch mit den sozialen Bewegungen in Brasilien für eine gerechtere Welt einsetzen. Adveniat gehört zur KoBra und ist in Köln mit Brasilien-Referent Norbert Bolte dabei gewesen.

Text und Fotos: Christina Weise

Kommentar zu “Agro ist Pop?

  • 4. Juni 2018 at 16:58
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    Finde es toll, dass es Initiativen wie KoBra gibt und sich Deutsche mit dem Schicksal der Brasilianer auseinandersetzen. Da mein Vater als Student ehrenamtlich in Brasilien gearbeitet hat und wir aus Freiburg stammen, unterstützen wir die „Brasilien-Initiative Freiburg“ (https://www.aventuradobrasil.de/ueber-uns/sozialprojekte/). „Salve Floripa“ ist ein weiteres tolles Projekt, welches archäoastronomisch ausgerichtet ist und das Umweltbewusstsein in Brasilien stärken soll. Schön, dass es euch gibt!

    LG, Jenny

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