Als „Lernende“ in São Paulo

Vor der Kathedrale in Sao PauloSeit einem halben Jahr ist der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck Vorsitzender der Bischöflichen Kommission Adveniat. Jetzt reist er zum ersten mal nach Lateinamerika. Zusammen mit Mitgliedern und Beratern der Adveniat-Kommission besucht er Projektpartner in Brasilien und Kolumbien. Neben Gesprächen stehen Besuche in konkreten Projekten an: „Ich komme mit offenen Ohren und Augen, um mich zu informieren“, sagte Overbeck bei einer Pressekonferenz in São Paulo. Er sei als „Lernender“ nach Lateinamerika gekommen.

Es ist ein Tag der Gegensätze: Vom Zentrum der größten Stadt Lateinamerikas mit Wolkenkratzern, modernen Bürogebäuden und Einkaufs-Malls geht es hinaus an die Peripherie. Der Verkehr ist, wie stets in São Paulo, mehr ein Hindernis denn ein Fortkommen. Die Favela Taipas liegt im Nordwesten der Millionenstadt. Hier leben die meisten Menschen in Armut: Der Blick geht über einfache Hütten, notdürftige Ziegelbauten an kaum gesicherten Hängen auf die Skyline der Metropole: Die Armen haben die Reichen stets im Blick. Hier wird die extrem große Kluft in der brasilianischen Gesellschaft überdeutlich.

Am 1. Advent 2011 will Adveniat in Taipas die Jahresaktion eröffnen. Das Hilfswerk wird 50 Jahre alt, und dies wird zum Anlass genommen, die deutsche Weihnachtsaktion bei den Projektpartnern, inmitten der Armen zu eröffnen.

FavelasDie Seelsorge wird hier von der „Aliança da Misericordia“ geleitet. Priester und ehrenamtliche Laien gestalten den Dienst in der Pastoral gemeinsam. Zum Mittagessen ist die Delegation zu Gast im Ausbildungszentrum der „Aliança“ und nimmt beeindruckt zur Kenntnis, wie stark die Beweggründe der Jugendlichen zur Mitarbeit in der Pastoral sind und mit welch kreativen Methoden dies umgesetzt wird – zum Beispiel in „Cristotecas“, das sind christliche Diskotheken für Jugendliche.

Nach einem Treffen mit Kardinal Odilo Scherer, dem Erzbischof von São Paulo, fährt die Gruppe am Abend weiter nach Aparecida. Morgen ist Nationalfeiertag in Brasilien, der Tag der „Nossa Senhora da Aparecida“, und eine halbe Million Menschen wird in dem Wallfahrtsort erwartet, der gut 2,5 Wegstunden von São Paulo entfernt liegt. Heute war die Präsidentschaftskandidatin der regierenden PT dort, Dilma Rousseff. Morgen wird ihr Gegner in der Stichwahl am 31. Oktober, José Serra, in Aparecida erwartet. Ohne den Beistand von „Nossa Senhora“ geht es in Brasilien eben nicht.

Text: Christian Frevel
Fotos: Nicole Cronauge