Angst vor Mauern

Heute erzählen uns zehn- bis zwölfjährige Mädchen, die vor zwei oder drei Wochen aus Port-au-Prince hierhergekommen sind, wie sie das Erdbeben erlebt haben. Und wie tief die Angst vor weiteren Beben ihnen in den Knochen steckt. Die zwölfjährige Sabine-Carla etwa würde am liebsten beim geringsten Geräusch losrennen. Anfangs wollte sie in kein Gebäude mehr rein, nur darußen sein. Wenn sie im Klassenraum sitzt, begutachtet sie die Wände, hält Ausschau nach Rissen und malt sich Fluchtwege aus. Nach Port-au-Prince will sie auf keinen Fall zurück. Die anderen Mädchen nicken zustimmend. Bloß nicht zurück nach Port-au-Prince. Doch eines hasst Sabine-Carla: „je déteste qu’on m’appelle une sinistrée“ – sie will nicht als Erdbebenopfer bezeichnet werden. Anfangs, als sie nach Ouanaminthe kam, wehrte sie auch jede Frage nach ihren Erlebnissen ab. Sie wie auch die anderen Mädchen möchten normale Schulmädchen sein – bei den Salesianerinnen scheinen sie gut aufgehoben. Neue Freundinnen haben sie auch schon gefunden. Es kommt fast Begeisterung auf, als zwei der Mädchen feststellen, dass sie in Port-au-Prince auf der gleichen Schule waren. Namen werden ausgetauscht, Neuigkeiten abgefragt. Nur ein Mädchen will nichts sagen. Mit verschlossenem, unbeweglichen Gesicht sitzt sie in ihrem blauen Schulkleid auf dem Stuhl. Stumm. „Viele, vor allem die größeren Kinder sind traumatisiert“, sagt die Schulleiterin Schwester Marie-Daniel. „Wir versuchen ihnen so gut wie möglich zur Seite zu stehen.“

In Cap-Haitien, eine Fahrstunde von Ouanaminthe, ist gestern eine Schule zusammengebrochen. Vier Kinder starben. Deshalb blieben einige Schulen in Ouanaminthe heute geschlossen. Auch hier war das Beben vom 12. Januar deutlich zu spüren, wer weiß, welche Auswirkungen es auf die Gebäude hatte. Die Angst vor weiteren Beben ist überall präsent. Zurück in meinem Zimmer bei den höchst gastfreundlichen Salesianerinnen, schaue ich prüfend über die Wände. Würden sie einem Beben standhalten? Sind sie solide? Abends hört es nicht auf zu regnen. Prasselnder dichter Regen. Muss an die rührende Vorkehrung der Schwestern denken: aus Angst vor einem Tsunamie haben sie eine Zehn-Liter-Trinkwasserflasche und eine Kiste Kekse auf die Dachtreppe deponiert. Ein Schlafsack ist auch griffbereit. Nur das Meer ist entfernt.

Verena Hanf