Ankunft in Porto Velho

 

<!–[if !supportEmptyParas]–> Beim Landeanflug auf Porto Velho wird zum ersten Mal der mächtige Rio Madeira sichtbar, der größte Nebenfluss des Amazonas. Wegen des Baus von zwei großen Staudämmen ist der Rio Madeira seit ein paar Jahren Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen. Vom Flugzeug aus kann man die Großbaustelle des Santo-Antônio-Staudamms unmittelbar am Rand der 600.000-Einwohner-Stadt gut erkennen. Das milliardenschwere Mammutprojekt hat in kurzer Zeit den Zuzug von 25.000 Menschen bewirkt. Meine zufällig angetroffenen Gesprächspartner hier vor Ort sind tendenziell eher positiv auf den Santo-Antônio-Staudamms und den Jirau-Staudamm 120 km flussaufwärts zu sprechen, obwohl der Strom ausschließlich in Richtung São Paulo exportiert wird und die Bevölkerung in Rondônia kaum nennenswert von den Großprojekten profitieren wird.
Nur wenige kommen zu dem Schluss, dass es – wieder einmal – um die grundsätzliche Frage geht, welches Entwicklungsmodell wollen wir für unsere Region, für unser Land: ein Modell, das von grenzenlosem Wachstum ausgeht und die Endlichkeit der Naturressourcen einfach negiert – oder ein Modell, das eine nachhaltige Entwicklung favorisiert? Mit ihrem Programm zum beschleunigten Wachstum gibt die brasilianische Regierung eine unmissverständliche Antwort.
Ganz anders dagegen die Überzeugung der Senatorin Marina Silva, wie Präsident Lula eine der Führungsgestalten der brasilianischen Arbeiterpartei. Sie fragt: welche Erde wollen wir allen noch nicht geborenen Kindern hinterlassen? Interessant, dass die 50 Jahre alte Politikerin aus dem Nachbarbundesstaat Acre geprägt ist von ihrem Engagement in den dortigen Basisgemeinden und an der Seite des 1988 ermordeten Gummizapfers und Umweltschützers Chico Mendes. Grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten mit den Hardlinern der Lula-Regierung hatten Marina Silva vor zwei Jahren zum Rücktritt von ihrem Amt als Umweltministerin bewogen. Ich bin gespannt, was Marina Silva in wenigen Tagen den Delegierten des Basisgemeindetreffens hier in Porto Velho sagen wird.
Ein ebenso zufälliger wie spannender Gesprächspartner ist der Taxifahrer Ivan. Er stammt aus Manaus, hat als Schauspieler in Rio und São Paulo gearbeitet, später dann als Goldschürfer am Rio Madeira. Seit 30 Jahren lebt er in Porto Velho und teilt sich mit seinem Bruder ein Taxi. Bei der Fahrt durch die sengende Hitze der Stadt, in der praktisch alle Bäume gefällt wurden, kommt er auf das rasante Wachsen der Landeshauptstadt und den Raubbau an der Natur zu sprechen. Tatsächlich sind überall unverputzte Bauten aus rotem Ziegelstein zu sehen, dem am häufigsten verwendeten Baumaterial hier. Ivan deutet während der Fahr auf Stellen hin, wo er als Kind im Fluss geschwommen ist. Ob des offenbar grenzenlosen Wachstumswahns des Menschen schüttelt er den Kopf und erinnert an ein Theaterstück, das er vor 25 Jahren zusammen mit einem argentinischen Freund geschrieben hat: Doutor Tijolo e a Turma do Miolo – Dr. Ziegelstein und die Botkrumenstaffel. Darin geht es um das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Am Ende des Stücks treten Tiere auf, die feststellen müssen, das man Ziegelsteine nicht fressen kann.
Meine äußerst unterhaltsame Fahrt mit Ivan endet unweit des Zentrums von Porto Velho, wo sich im Serviço Social da Indústria (Sozialzentrum der Industrie) das organisatorische Hauptquartier des CEBs-Treffens befindet.

Autor: Norbert Bolte

Porto Velho, 22.07.2009