Argentinien: Der “cura villero” von Carcova

Padre Pepe (Mitte)  und Aladio Alberto Aquilles (rechts) auf der Baustelle der Kapelle "San Cayetano te Eseranza" im Gespräch mit einem Bauarbeiter.

Padre Pepe (Mitte) und Aladio Alberto Aquilles (rechts) auf der Baustelle der Kapelle „San Cayetano te Eseranza“ im Gespräch mit einem Bauarbeiter.

Der mit Marienbildern beklebte Fiat, zugegebenermaßen ein schon älteres Modell, stoppt vor der Bahnstation von Pedro Leon Suarez, am Stadtrand von Buenos Aires. Padre Pepe steigt aus, die Haare zerzaust, ein dichter Bart – er wäre der perfekte Jesus-Darsteller auf Osterfestspielen.

Wir fahren in die nahe gelegene “Villa” Carcova, eines der gefährlichsten Elendsviertel von Buenos Aires. Hier lebt Padre Pepe seit seiner Rückkehr nach Buenos Aires vor rund sechs Monaten. Seit 15 Jahren ist er “embedded”, lebt er als “Villapadre” mitten unter den ärmsten Menschen der sonst so gerne ihren Reichtum zeigenden Hauptstadt.

Portrait Padre Pepe José Maria di Paola beim Interview in der bisherigen Kapelle, einer Garage.

Portrait Padre Pepe José Maria di Paola beim Interview in der bisherigen Kapelle, einer Garage.

Seit über 40 Jahren gibt es “curas villeros” in den Armenvierteln der Stadt, und sie sind wieder in aller Munde seitdem der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Kardinal Bergoglio, im Frühjahr zum Papst gewählt wurde. Bergoglio war sich nie zu schade, mit den Armenpriestern durch die Slums zu laufen. Gemeinsam mit “curas” wie Padre Pepe zogen sie von Haus zu Haus, hörten sich die Sorgen der Menschen an und tranken mit ihnen Mateteee, Argentiniens Nationalgetränk.

Die Villas sind heute ein gefährlicher Ort: “Keine Fotos auf der Straße”, sagt Pepe. Erst auf dem Baugelände der Kapelle dürfen wir ihn ablichten. Mitten in Carcova errichten Bewohner unter Pepes Anleitung ein Gemeindezentrum mit der “Jungfrau von Lujan”-Kapelle als Herzstück. Nebenan beim Fußballklub “Die glücklichen Küken” organisiert er die Speisungen für die zum Kicken gekommenen Kinder.

Das Gemeindezentrum und der Fußballklub sollen langsam miteinander verschmelzen, so Pepes Vision. Wir messen unsere fußballerischen Künste mit den Kindern und Jugendlichen der Villa. Nach dem zweiten Ballkontakt liege ich bereits im Staub – ein Knirps hat mir von hinten die Beine weggetreten. “Früher hätte es so böse Fouls hier nicht gegeben”, meint Pepe. Da hätten die Knirpse noch Respekt vor Erwachsenen gehabt.

Padre Pepe (rechts) im Gespräch mit Bewohnern auf dem Fußballplatz hinter der Kapelle.

Padre Pepe (rechts) im Gespräch mit Bewohnern auf dem Fußballplatz hinter der Kapelle.

Doch die Zeiten sind rauer geworden, Pepe weiß das. Vor drei Jahren musste er aus Buenos Aires fliehen, nachdem ihm die Drogenbosse einer Villa mit dem Tode gedroht hatten. Jetzt ist er seit einem halben Jahr zurück, wohnt wieder mitten unter den Menschen, inmitten von Elend und Müllbergen.

Ende August traf Pepe Papst Franziskus in Rom. Beim  Matetee sprach man über die gemeinsamen Zeiten in Buenos Aires. Er sei immer noch ganz der alte, so wie früher, meint Padre Pepe über Papst Franziskus alias Kardinal Bergoglio. Er habe sich nach dem Befinden jedes einzelnen seiner ehemaligen Mitarbeiter erkundigt. Und zum Abschied habe Franziskus das gesagt, was er stets den Menschen auf den Weg gab: „Betet für mich, so wie ich auch für Euch bete.“

Pepe schenkte dem Papst ein Trikot seines favorisierten Fußball-Teams Huracan. Ob’s dem bekennenden Fan des Clubs von San Lorenzo gefallen hat? Pepe grinst nur.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher