Argentinien: „Fortschritt, dass hieß für die Regierungen, uns Indigenen das Land zu rauben und uns zu töten“

1111Die Überlandstraße führt von Formosa aus ins Nirgendwo. Wenigstens für uns, die wir aus Mitteleuropa dichte Besiedelung und kleine Landschaften gewohnt sind. Ins Nirgendwo. Immer schnurstracks geradeaus, nach Nordosten, in Richtung der Provinz Chaco. Doch wir werden erwartet. Sehnlich. Sieben Kilometer vor der Provinzgrenze biegen wir nach gut zwei Stunden Geradeausfahrt ab vom Highway. Da steht ein betonierter Schuppen. Er hat keine Fenster und ist gelb angestrichen. Auf dem Gelb prangt schwarzl das Abbild von Che Guevara, einer Ikone des Gerechtigkeitskampfes längst vergangener Zeiten.

2222Der Ort hat keinen Stromanschluss und heißt Riace d’Oro. „Herzlich, herzlich willkommen“, ruft uns Ankommenden Valentin Suarez zu. Der hochgewachsene Mann ist der Kazike, der gewählte Häuptling des Dorfes der Qom, in dem wir zu Gast sind. Sein Volk hat sich um Valentin Suarez versammelt. Viele der insgesamt 360 Menschen aus dem Volk der Qom oder Toba, wie die Ethnie früher bezeichnet wurde. Die Freude der Qom ist  beträchtlich, das sieht man – über den Unterschied der Kulturen – an ihren Gesichtern.  Sie sagen: Schön, dass ihr den weiten Weg  auf euch genommen habt.

Der Kazike beginnt mit dem Wichtigsten: „Unsere größte Not liegt darin, dass der Staat im Jahr 1976, als die Militärjunta regierte,  unseren Grundbesitz zusammengedrängt hat auf nur noch 510 Hektar. Wir sind weit über 350 Leute und treiben Ackerbau. Da wird es eng bei so wenig Fläche. Der Landmangel treibe viele Menschen seiner Gemeinschaft zur Abwanderung in die Provinzhauptstadt Formosa oder noch weiter weg nach Buenos Aires.

„Unser Dorf heißt Riace d’Oro, doch mit Oro, dem Gold ist hier nix“, ruft Valentin Suarez in die Runde. Im Gegenteil, wir sind sehr arm. Obgleich wir die Ziegelsteine unserer Häuser hier selbst produzieren, obwohl wir sehr geübte Jäger und Sammler sind. Sein Volk steht und sitzt im Halbkreis um den Mann, dem man ein wenig seinen Lehrerberuf anmerkt. SERPAJ, der Dienst für Friede und Gerechtigkeit von Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esqzuivel, hat die indigenen Sprecher schult und rhetorisch ausgebildet. Ein Mann wie Valentin kennt die Gesetze und weiß zu erklären, wie der Staat und die Bürokraten sie brechen.

Die Überlandstraße, keine vierzig Meter entfernt von uns, sei die militärische Aufmarschstraße gewesen, auf der die Militärs seit dem 19. Jahrhundert ankamen, um viele Massaker an den Qom und ihren Nachbarvölkern zu verüben. „Fortschritt, dass hieß für die Regierungen, uns Indigenen das Land zu rauben und uns zu töten“, sagt der Häuptling.

333Heute sei seine Comunidad bestens organisiert. Padre Ponciano, der uns hergebracht hat, bestätigt: „Die Leute, die uns umstehen, haben wiederholt mit Erfolg  die Überlandstrasse blockiert, einmal vier Wochen lang. Zunächst die eine Fahrspur, dann die andere Fahrspur, schließlich beide.“ Und nun stehen Gespräche mit dem Kabinettschef de provinzregierung bevor. „Sie wird 99 Prozent unserer Forderungen nach einer bilingualen Schule, besserer Wasserversorgung erfüllen“, sagt Valentin mit Zuversicht.“ Dies sei durchgesickert.

4444Es dunkelt. Eine lange Dämmerung. Die Vögel verstummen, nur der Krach von den KW LKWs auf der Überlandstraße bleibt. Am Himmel zartrote Streifen. Israel meldet sich zu Wort. Er ist Qom-Führer wie Valentin. Israel zählt die erschreckend lange Liste der Mord- und Unrechtstaten der weißen Mehrheitsgesellschaft gegen die Indigenas auf, quer durch die Jahrzehnte.

Dann  naht der Abschied, denn das Dorf hat kein elektrisches  licht- Doch die Comunidad . Das Dorf hat zwei pfingstlerische Pastoren, Vater und Sohn. Wir werden Zeugen einer schönen Ökumene. Pater Ponciano von ENDEPA, der katholischen Indigena-Empowerment-Vikariat steht still dabei, als Vater, Sohn und das halbe Dorf der Qom uns segnen – in Zungenreden. Wie ein Chor schwillt dieses Segnen der Alten und Jungen, der Frauen und Männer erst an und dann verebbt dann still. „Wir haben die Blockade mit Gebeten begleitet“, sagt der junge Pastor selbstbewusst.

Dann viele Umarmungen, ein Lied auf Deutsch, ein Lied der Qom. Wir klettern in unseren engen Kleinbus und fahren ein paar Stunden lang nach hause, nach Formosa. Alle sind sehr bewegt vom Kampf unserer Gastgeber. Es ist schön,  dass unser Besuch  sie so sehr gefreut hat.

Text: Thomas Seiterich
Fotos: Carolin Kronenburg