Argentinien: Haus der vergessenen Künste

Bildhauerlehrer Alberto Rafael Romero mit Lehrling in seiner Werkstatt

Bildhauerlehrer Alberto Rafael Romero mit Lehrling in seiner Werkstatt

Von außen handelt es sich scheinbar um eine der endlos vielen Fabrikhallen im Stadtteil Pompya, am Rande von Buenos Aires. Argentiniens beliebtestes Bier wird nebenan gebraut, eine weltbekannte Brausefirma braut ihr Süssgetränk genau gegenüber. Doch passiert man erst einmal die Stahltüren des „Centro Juvenil Padre Daniel de la Sierra”, eröffnet sich einem eine scheinbar schon vergessene Welt.

Marmorene Taufbecken liegen im Eingangsbereich, Teile von Altären lehnen an der Wand. „Wir beliefern viele Kirchen, gibt es die meisten Berufe doch kaum noch. Nur hier”, erklärt Alberto Rafael Romero, Lehrer für Bildhauerkunst in dem Zentrum. „Wir geben noch Wissen weiter, das sonst bereits verloren gegangen ist.”

Alberto Rafael Romero vor der Marmortafel zum 10-jährigem Bestehen des Zentrums.

Alberto Rafael Romero vor der Marmortafel zum 10-jährigem Bestehen des Zentrums

Dutzende Jugendliche aus den umliegenden „Villas”, den Slumvierteln der Hauptstadt, erlernen hier einen Handwerksberuf. Romero öffnet die Türen zu seiner Werkstatt, in der noch Steinmetz- und Bildhauerwissen an die Jugendlichen vermittelt wird. „Wir zeichnen unsere Ideen an die Wand, dann setzen wir sie um”, erzählt „Beto”, wie alle hier den Lehrer nennen. Er hält ein zu einer Rundsäule gefrästes Stück Marmor in der Hand. Die Jugendlichen stehen stolz um ihn herum.

Betos Werkstatt scheint aus einer anderen Welt zu stammen. Christusfiguren stehen herum, wie die Heiligenbilder mit abgebrochenen Gliedmaßen warten sie darauf, von Betos Schülern wieder geflickt zu werden. „Es gibt kaum noch Orte wie diesen, wo die Kirchengemeinden ihre Heiligenfiguren reparieren, ihre Altäre in Auftrag geben und Taufbecken bestellen können.”

Von draußen dringen grell Lichtblitze herein, die Gruppe von Schweißerlehrlingen hat Hand angelegt. Dazu dröhnt die alte Druckmaschine, auf der Lehrlinge Gesangsblätter für die umliegenden Kirchen drucken. Im Eingangsbereich hängt eine Marmortafel, die an das zehnjährige Jubiläum des Zentrums Mitte diesen Jahres erinnert.

Lehrling Walter (Mitte) in der Druckerei

Lehrling Walter (Mitte) in der Druckerei

Eigentlich sollte der Erzbischof von Buenos Aires zu der Feierlichkeit kommen, hatte er doch die Eröffnung des Zentrums im Jahre 2003 angeregt und gefördert. Aber Erzbischof Bergoglio ist nun Papst Franziskus und lebt im fernen Vatikan. „Schade ist das”, meint der 23-jährige Walter. „Früher besuchte er uns oft daheim und wir tranken viel Mate mit ihm.” Dann geht der junge Mann zurück an seine Druckmaschine.

Vielleicht kommt Bergoglio ja demnächst doch noch, überlegt Beto laut. Dann geht er zurück ins ein Reich aus Marmorfiguren. Dort warten noch Dutzende Heilige geduldig darauf, von ihm restauriert zu werden.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher