Argentinien: Leben in der Randzone

Ines Peire hat Pläne für die Zukunft

Ines Peire, die Organisatorin der Kreditinitiative.

Ärmliche Hütten, staubige Wege, spielende Kinder soweit das Auge blicken kann. Wir sind in der Siedlung San Cayetano am Stadtrand von Campana, einer Kleinstadt rund 80 Kilometer außerhalb von Buenos Aires. In Sichtweite rasen LKWs über die Schnellstraße, die Argentiniens Metropole mit dem Interior verbindet.

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José Ignacio Ledesma verkauft Putzmittel

Die Bewohner San Cayetanos stammen meist aus Paraguay, Bolivien und dem armen Norden Argentiniens, angelockt von der Nachricht, dass in Campana Arbeitskräfte gesucht werden. In den letzten Jahren sind zahlreiche Unternehmen hierher gekommen, Autohersteller, Zementfabriken. Doch wenige Bewohner San Cayetanos haben in den modernen Unternehmen einen Arbeitsplatz gefunden. Zwei Frauen arbeiten als Putzfrauen in der Zementfabrik, erklärt uns Ines Peire, die uns durch San Cayetano führt. Mehr nicht.

Die meisten Menschen hier können weder Lesen noch Schreiben, die Hoffnung auf einen Job hat sich in Luft aufgelöst. Jetzt muss es darum gehen, für die Familien Alternativen zu finden, so Ines. Sie begleitet die Bewohner der Hüttensiedlung in ihrem täglichen Kampf ums Überleben. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Alejandro arbeitet Ines in einem Programm für Mikrokredite, die den Menschen hier einen Neuanfang ermöglichen sollen.

Es ist nicht das erste Programm, das das Ehepaar begleitet. Bereits in der Gemeinde Santa Cruz in Buenos Aires, in der Ines und Alejandro als Ehrenamtliche arbeiten, konnten zahlreiche Familien so einen Neuanfang starten. Adveniat unterstützt übrigens die Arbeit der Santa-Cruz-Gemeinde seit vielen Jahren.

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Alle Kreditnehmer haften untereinander. Das stärkt den Zusammenhalt der Gemeinschaft.

Bei den Mikrokrediten geht es um kleine Summen, 450 Pesos, mehr nicht, aber es ist ein Anfang. Damit kaufen die Familien von San Cayetano Stoffe in Buenos Aires, die sie daheim zu Kleidern verarbeiten. Oder Putz- und Reinigungsmittel, wie José Ignacio Ledesma, der mit seinem Fahrrad durch die Siedlung zieht und die in kleine Flaschen abgefüllten Putzmittel weiterverkauft.

Lucan Sandra Oliva ist gerade einmal 20 Jahre alt. Sie hat bereits einen kleinen Sohn, demnächst kommt das zweite Kind. „Wenn alle anderen Lebenspläne scheitern oder unerreichbar erscheinen, zieht man gerne das Projekt Großfamilie durch, ohne die wirtschaftliche Basis dafür zu haben”, so Ines.

Doch Sandra hat Pläne. Sie will daheim Kleidung und Schmuck herstellen, dafür bittet sie Ines um einen Kredit. In der kleinen Kapelle von San Cayetano, die von Padre Bernardo Hughes vom Orden der Passionisten geleitet wird, haben sich Frauen aus der Siedlung versammelt. Sandra stellt ihnen ihr Geschäftsmodell vor, gemeinsam kalkuliert man Kosten und mögliche Gewinne.

Die Mikrokredite sind ein Gemeinschaftsprojekt, jeder Kreditnehmer haftet gleichzeitig auch für die Kredite der anderen. Doch die Fälle, in denen eine der Familien den Kredit nicht zurückzahle, seien äußerst selten, so Ines. Die Frauen seien sehr gewissenhaft, nehmen ihre Verpflichtungen sehr ernst. Langsam entstehe unter den Familien ein Zusammenhalt, eine Gemeinschaft. Ein nicht unwichtiger Nebeneffekt der Mikrokredite. Denn letztlich werde es den Familien nur gemeinsam gelingen, eine bessere Zukunft für ihre Kinder zu errichten.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher

Thomas Milz ist gemeinsam mit Jürgen Escher und Peter Theisen in Argentinien und Paraguay auf den Spuren der Jugend Lateinamerikas. Die Journalisten besuchen die Gäste der Adveniat-Aktion 2014 und bloggen von ihrer Erlebnissen.