Argentinien: Nur eine Chance auf Leben

1Krach. Der schwarze Uraltwagen von Padre Pedro Baya Casal hat lautstark auf dem zu hohen Bordstein aufgesetzt. Die Fahrt endet jäh, bevor sie begonnen hat. „Alle aussteigen“, sagt der Pfarrer gelassen und fuhrwerkt unter Anleitung zahlreicher Schaulustiger vor und zurück. Noch einmal Krach. Geschafft. Das Auto steht auf der Straße. „Eh, Pedro, der Reifen ist platt“, sage ich. Dann fällt mir auf, dass alle Reifen aus der Puste sind – und Pedros entschuldigendes Lächeln bedeutet wohl, dass sie halbvoll, nicht halb leer sind. Und so rumpeln wir durch die Stadt der schönen Lüfte in Richtung Baja Flores – einem verrufenen Stadtteil der Capital.

Pedro blinkt, biegt rechts ab und der Asphalt endet unerwartet. Ein Weg aus Lehm und Matsch führt durch das Armenviertel zur Pfarrei „Parroquia Immaculada“. Dort wohnt und arbeitet der 43-Jährige. In der „Villa 3“ und dem „Barrio Ramon Carillo“ leben 25.000 Menschen auf engstem Raum. Gebaut wird in die Höhe, denn immer mehr Menschen kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Buenos Aires. Neben Migranten aus Nord- und Südargentinien sind es vor allem Bolivianer und Paraguayos, die ihre Heimat verlassen müssen. „Freiwillig ist keiner hier“, sagt Pedro. Das Ziel des Lebens sei überleben – „día al día“ – Tag für Tag.

2„Mein Leben ist ein täglicher Kampf“, sagt auch Luciano. Der 15-Jährige ist drogensüchtig. Einfach aus Neugier habe er Paco, ein Abfallprodukt der Heroinherstellung, ausprobiert. „Mein Vater hat Drogen genommen und da hab ich’s auch ausprobiert“, sagt der Junge mit den glasigen Augen. Aber er will „clean“ werden und deshalb geht er zum Treffpunkt in der Gemeinde. Da sind Padre Pedro, eine Psychologin und Menschen, denen es geht wie ihm. „Die Pfarrei ist wie meine Familie“, sagt er und wibbelt nervös von einem Bein aufs andere. Zur Schule ist er nicht lange gegangen. Ein bisschen Geld verdient er als Automechaniker. Die meisten arbeiten laut Pedro in Werkstätten, als Bauarbeiter oder Cartoneros, Müllsammler. „45 Prozent der Bevölkerung in den Villas ist unter 16 Jahren“, sagt der Pfarrer – und die meisten von ihnen würden in dem Armenvierteln alt.

666An das Trinkwassernetz ist der Stadtteil angeschlossen, mit dem Abwasser gibt es aber Schwierigkeiten – wie man überall riecht. Um Menschen aus einer Krankenhausruine umzusiedeln, wurde das Viertel vor 22 Jahren gebaut. Kaum vorstellbar, dass das eine Alternative sein soll. Gewalt gehört zum Alltag – am Morgen wurde wieder ein Mann beerdigt, der erschossen wurde. Eigentlich kein Ort für einen Menschen aus gutem Hause. Doch Pedro hat sich ganz bewusst für das Leben im Armenviertel entschieden: „Ich komme aus einem reichen Elternhaus und ich bin privilegiert, weil ich hier sein darf.“ Er bekomme viel mehr von den Menschen zurück als er gebe. „Gott hat mir die Möglichkeit geschenkt, mit den Armen zu leben.“

„Dass ich hier gelandet bin, das ist Bergoglios Schuld“, sagt Padre Pedro. Ursprünglich hatte er Dogmatik studiert. Der ehemalige Kardinal von Buenos Aires und heutige Papst Franziskus habe ihm aber die Pastoraltheologie ans Herz gelegt. „Dafür empfinde ich Bergoglio gegenüber große Dankbarkeit, denn er hat mir zugetraut, den Weg mit den armen Menschen zu gehen.“ Ein Weg, auf dem man sich die Füße dreckig macht und manchmal aus der Puste kommt – wie Papst Franziskus mit nur einem Lungenflügel. Ein Weg, den man nicht alleine gehen kann – wie Luciano mit nur noch einer Chance auf Leben.

Text und Fotos: Carolin Kronenburg

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Das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat begibt sich zusammen mit dem Journalistenverband GKP auf die Spuren von Papst Franziskus: Zehn Tage reisen 15 Journalistinnen und Journalisten durch Argentinien, um die Kirche vor Ort und Wegbegleiter Kardinal Jorge Bergoglios, dem heutigen Papst Franziskus, kennen zu lernen. Organisiert haben die Reise Sozialarbeiterin und Religionspädagogin Christl Huber aus Buenos Aires, Adveniat-Pressesprecherin und stellvertretende Vorsitzende der GKP, Carolin Kronenburg, und der Leiter der Projektabteilung bei Adveniat, Thomas Wieland.