Argentinien: Somos gente pobre con corazón grande – Wir sind arme Leute mit einem großen Herzen

1Stella Maris, üblicherweise auf den Namen Panqui hörend und vor vielen Jahren aus Paraguay nach Argentinien ausgewandert, bringt die Botschaft des Tages in einleuchtenden Worten auf den Punkt. Einleuchtend: das passt zum Festgeheimnis dieses Pfingsttages. Der 8. Juni korrespondiert auf der nördlichen Halbkugel mit dem Winterdatum des 8. Dezember – ebenfalls ein besonderer Feiertag im Kirchenjahr. Hier in Argentinien dürfen wir einen strahlenden Tag erleben, eine strahlende Sonne leuchtet vom blau-weißen Himmel. Kein Wunder, dass die argentinische Flagge genau diese Symbole und Farben darstellt. Aber heute, an Pfingsten, geht es nicht nur um Argentinien. Wir sind in Moreno zusammengekommen, einer Trabantenvorstadt von Buenos Aires. Die Gottesdienstteilnehmer versammeln sich in der Capilla San José, hauptsächlich Immigranten aus Paraguay, auch einige Bolivianer und Peruaner sind da – und eben die Besucher aus Deutschland.

2Der Pfingstbericht der Apostelgeschichte, der vom Ende der babylonischen Sprachverwirrung unter dem alles einenden Wirken des Geistes Gottes verkündet, bekommt in einer solchen Umgebung eine besonders tiefe Bedeutung. Die Sprache der Kinder Gottes ist nicht Spanisch, nicht Guarani, nicht Deutsch: was zählt, ist die Sprache des Herzens, die Sprache einer geschwisterlichen Liebe. Dafür nehmen wir nach der Predigt von Padre Jorge die Kerzen in die Hand und erneuern unseren Glauben an den Sieg des Lebens über den Tod, die Macht der Versöhnung gegen allen Hass, an unsere Sendung zum Zeugnis der menschlichsten aller menschlichen Begabungen, der Liebe. Die Botschaft dieses Geistes atmen die Fürbitten, und von einem pfingstlichen Enthusiasmus ist der ganze Gottesdienst geprägt. Das Volk Gottes, versammelt in dem einen Geist. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich Pfingsten in einer vergleichbaren Dichte und tief empfundenen Freude gefeiert hätte.

Con corazón grande – mit großem Herzen. Das Charisma der Armen ist ihre absichtslose Herzlichkeit, aus der heraus gebetet, gesungen und gefeiert wird. Dabei muss fast zwangsläufig die Frage aufkommen, ob wir, die Besucher vom anderen Kontinent und dem anderen Land, wirklich reich sind. „Reiche sind Arme, die viel Geld haben“ – an dieses Wort eines chilenischen Bischofs muss ich mich heute intensiv erinnern.

3So ist das Pfingstfest 2014 ein Tag des inneren Friedens, aber auch der Gewissenserforschung. Unsere Reise, die sich der Entdeckung der Spuren von Papst Franziskus in seiner argentinischen Heimat verpflichtet weiß, hat in der Comunidad von San José ihren reich beschenkten Weg fortsetzen dürfen. Danke an alle, die uns diese Pfade gewiesen haben: vor allem an Christl (Cristina Huber), die uns einen ganz besonderen Ort ihrer Berufung gezeigt hat.

Text: Wolfgang Sauer
Fotos: Carolin Kronenburg