Argentinien: Verfolgt und verraten

Die Gemeinde San Cristóbal in Buenos Aires.

Die Gemeinde San Cristóbal in Buenos Aires.

Erste Station unserer Reise zur Vorbereitung der Adveniat-Aktion 2014 ist die Santa Cruz Gemeinde im Stadtteil San Cristóbal in Buenos Aires. Wir sind zu Gast in einer äußerst lebendigen Gemeinde, die zudem über eine bewegte Geschichte zu berichten weiß.

Padre Carlos Saracini führt uns durch die Ende des 19. Jahrhunderts errichtete imposante Kirche. In ihrem Inneren erinnern zahlreiche Bildtafeln und aufgespannte Spruchbänder an ein grausames Kapital der argentinischen Geschichte, das hier ihren Ausgangspunkt hatte.

Im Gedenken an die Menschrenrechtsaktivisten.

Im Gedenken an die Menschrenrechtsaktivisten.

Während der Militärdiktatur diente die Kirche und die anliegenden Gemeinderäumlichkeiten als Unterschlupf für Oppositionelle und von den Militärs verfolgte Menschen. Sie schlüpften mit den Besuchers der Abendmesse in die Kirche, verbrachten dort die Nacht, um sich dann wieder unter die Besucher der Morgenmesse zu mischen und mit ihnen die Kirche unerkannt zu verlassen.

Doch die Verfolgten wurden verraten, der Geheimdienst der Diktatur hatte einen als Oppositionellen getarnten Spitzel in die Gruppe geschmuggelt. Am 08. Dezember 1977 griff die Polizei zu; 12 der Kirchenflüchtlinge wurden verhaftet, gefoltert und ermordet.

Ruhestätte von vier Mitglieder der “Gruppe von Santa Cruz”

Ruhestätte von vier Mitglieder der “Gruppe von Santa Cruz”

Unter den Opfer befand sich auch Azucena Villaflor de Vincenti, eine der Gründerinnen der Mütter der Plaza de Mayo. Ihre Leiche soll, zusammen mit denen der französischen Nonnen Alice Domon und Leonie Duquet, von einem Flugzeug aus ins Meer geworfen worden sein.

Vier andere Leichen der „Gruppe von Santa Cruz” wurden jedoch im Jahre 2005 entdeckt. Die Familien baten daraufhin Padre Saracini um die Erlaubnis, ihre Angehörigen nebeneinander auf dem Kirchengelände beerdigen zu dürfen. Saracini leitete das Anliegen an den damaligen Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio weiter, der seine Zustimmung gab.

So ruhen die sterblichen Überreste der vier Mitglieder der Gruppe heute direkt neben jener Kirche, in der sie einst Unterschlupf fanden. Dem Spitzel, der die Gruppe verriet, wurde der Prozess gemacht; 2011 verurteilte man ihn zu lebenslänglicher Haft. Die Mütter der Plaza de Mayo gehen immer noch für ihre verschwundenen Angehörigen auf die Straße.

Text: Thomas Milz
Fotos: Jürgen Escher

Thomas Milz ist gemeinsam mit Jürgen Escher und Peter Theisen in Argentinien und Paraguay auf den Spuren der Jugend Lateinamerikas. Die Journalisten besuchen die Gäste der Adveniat-Aktion 2014 und bloggen von ihrer Erlebnissen.

Kommentar zu “Argentinien: Verfolgt und verraten

  • 4. November 2013 at 22:55
    Permalink

    unter ‚verfolgt und verraten‘ denke ich auch an Monte Chingolo, Diözese Avellaneda Pcia Buenos Aires, wo am 23.12.1978 von der benachbarten Kaserne aus ein furchtbarer Anschlag auf die villa miseria ausging.

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