Argentinien: Von Hirten, die den Geruch der Herde annehmen

111So wie Padre Lorenzo oder Padre Gustavo müssen sie wohl sein, die Hirten, die den Geruch ihrer Herde annehmen. So hat es Papst Franziskus in seiner bildhaften Sprache unlängst gefordert. Und so wirken diese beiden und ihre mehr als 20 Priesterkollegen, in Jeans und Sandalen, Sportjacken und Hemden, unter denen nur manchmal ein Priesterkragen hervorlugt.

Seit Jahren leben sie in „Villas“, den Armenvierteln in und um Buenos Aires, mitten unter den Menschen, die aus verschiedenen Provinzen oder den Nachbarländern Paraguay, Bolivien, Peru, in die Großstadt gekommen sind, um hier ihr Glück zu machen, Arbeit zu finden und ihre Familie ernähren zu können. Gefunden haben es die wenigsten.

3333Der Begriff „Elendsviertel“ ist mittlerweile verpönt. Man spricht einfach vom „Viertel“, von der „Villa“. Doch es ist ein Elend in den engen Gassen, mit den unfertigen Häusern, den Autoruinen, dem Müll in allen Ecken, dem Geruch, den abenteuerlichen Stromverkabelungen, den streunenden Hunden. Die Kriminalität ist hoch in den Vierteln. Drogen machen ganze Familien kaputt, Gewalt, Prostitution, Raub sind an der Tagesordnung.

Seit 1960 wachsen die Villas, manchmal nur einen Straßenzug entfernt von gutbürgerlichen Vierteln der Millionenstadt. Mittlerweile leben zwölf Prozent der Bevölkerung von Buenos Aires in solchen Armenvierteln, manche schon in der dritten Generation. 44 Prozent sind Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren. Es scheint hoffnungslos …

Und doch gibt es Lichtblicke, gibt es diese 24 Priester, die „Curas Villeros“, die Armenpriester, die leben wie ihre Herde. Zwei bis drei pro Pfarrei, zusammen in einer Wohngemeinschaft, in genauso schlichten Unterkünften wie „ihre Leute“, ohne Rücklagen, ohne Sicherheit.

Padre Lorenzo nimmt uns mit in seine Gemeinde in der Villa 21. Etwa 15.000 Menschen leben hier auf engstem Raum, in einfachen Steinhäusern, mit unverputzten Wänden, mit Möbeln vom Sperrmüll. Oft fehlen Türen und Fenster, fast immer aber sind da Gitter zum Schutz vor unerwünschten Eindringlingen. Aber es gibt eine Schule, einen Erste-Hilfe-Posten, ein Gemeindezentrum.

Der 48-Jährige führt uns ins Jugendzentrum Johannes Paul II., begrüßt die Jugendlichen mit einer herzlichen Umarmung. Ein kleiner Scherz, ein kurzes Gespräch. Man spürt seinen Stolz auf diesen bescheidenen Schutzraum, den er den Jugendlichen hier bieten kann. Auch ein Drogenzentrum und zwei Altenheime sorgen für die gerade hier so wichtige soziale Infrastruktur. Eine Sekundarschule ist im Aufbau. Wer hier mit den Priestern unterwegs ist, merkt die Zuneigung, die ihnen überall entgegenschlägt und die sie uneingeschränkt erwidern.

Die ersten Priester kamen in den 60er Jahren in die Viertel, wollten aus Solidarität mit den Arbeitern selber wie Arbeiter leben. Der tiefe Glaube der Gestrandeten hat viele von ihnen im Viertel gehalten, hat ihnen auch gezeigt, dass sie als Seelsorger gefragt sind. „Wir bringen den Ärmsten das Evangelium“, beschreibt Padre Sebastien seinen Weg, und es klingt ganz selbstverständlich aus seinem Mund. „Leben in der Nachfolge Jesu“ nennt es Padre Pedro, „hier können wir fruchtbarer sein als in anderen Gemeinden.“ Sogar auf Berufungen stoßen die Armenpriester immer wieder. Zur Zeit gibt es acht Seminaristen, die aus den „Villas“ stammen und Priester werden wollen.

444Auch die Katholische Universität in Buenos Aires – UCA – hat schon unter Kardinal Bergoglio erkannt, wie wichtig die Arbeit der Armenpriester ist. „Alle unsere Studenten müssen für eine gewisse Zeit hier arbeiten“, erklärt uns der aristokratisch wirkende UCA-Direktor, Erzbischof Victor Fernandez, einer der intellektuellen Ideengeber des argentinischen Papstes. „Wer zur Evangelisierung aufgerufen ist, muss die Sprache der Menschen nicht nur verstehen, er muss sie sprechen und ihre Probleme kennen.“ Den Geruch der Herde annehmen, wie Lorenzo und Gustavo und all die anderen. Ihnen muss die Sprache der Armen nicht mehr beigebracht werden. Man darf sie sich als glückliche Menschen vorstellen.

Text: Doris Wiese-Gutheil
Fotos: Carolin Kronenburg