Argentinien: Wow — Dieser Gottesdienst!

Wow, dieser Gottesdienst hat mich tief beeindruckt. Er hat mich berührt, etwas in mir bewegt. Die kompletten 90 Minuten war ich voll dabei – geistig, vor allem aber auch körperlich. Ich fühlte mich mitten drin in dieser mir noch fremden Großstadtgemeinde Santa Cruz mitten in Buenos Aires, obwohl ich nicht jedes Wort des charmanten Porteno-Castellano verstanden habe. Aber darauf kam es auch nicht an. Diese Messe hat auch ohne Worte viel vermittelt. Das Empfinden mit dem Herzen, die körperliche Nähe standen hier ganz weit vorne. Wir fassten uns an den Händen, umarmten uns, malten uns gegenseitig ein Kreuz aus Erde auf die Stirn und gaben uns besitos auf die Wange – eine Geste, die in Argentinien wohl locker ein Viertel der Lebenszeit in Anspruch nimmt und den in Deutschland gutbürgerlichen Handschlag auf zärtliche Weise ersetzt.

Die gesamte Messe lebte von Gestik, Symbolen, von körperlicher Nähe, die den geistigen Zusammenhalt greifbar werden ließen. „Legt die Hand auf euer Herz und hört in euch hinein, sagte Padre Carlos zu der Gemeinde. Unglaublich, was es für einen riesigen Unterschied macht, ob man einfach mal in sich hineinhört oder dabei das Klopfen des eigenen Herzens spürt. Ein klares Symbol, eine so einfache Geste mit enormer Wirkung, die eine spürbare Verbindung aller Gottesdienstteilnehmer herstellte.

Überrascht und erfreut war ich auch darüber, dass die Heilige Kommunion von Laien ausgeteilt wurde, von Männern und Frauen aus der Pfarrei. Ein rührendes Gefühl, in das strahlende Gesicht der älteren Dame zu schauen, die so enorm stolz war, diesen Dienst ausführen zu dürfen.

Auch der Gesang hat mich beeindruckt. Die lateinamerikanischen Melodien hatten für mich eine intensive emotionale Tiefe. Die Menschen sagen aus tiefstem Herzen, in einer Lautstärke und Überzeugung, die den Gesang auch über die Ohren hinaus körperlich wahrnehmbar machten und vor allem: das Herz erreichten.

Genauso war das Erlebnis, sich gegenseitig das Kreuz aus Erde auf die Stirn zu zeichnen, im positiven Sinne emotional erhebend. Die Messe war so wenig zentriert und bezog dadurch alle in solch intensiver Weise mit ein, dass sich ein unvergleichbares Gemeinschaftsgefühl entwickelte, das ich in der Form schon lange nicht mehr erlebt habe.

Nach der Messe stürmte plötzlich eine ältere Dame zum Altar und bat noch etwas sagen zu dürfen. Hinter dem Altar stehend, Schulter an Schulter mit den Zelebranten lud sie zu einer Demonstration ein, die in der kommenden Woche stattfindet. Begleitet von tosendem Applaus machte sie auf die Problematik der Vertreibung von Indigenen in dem Goldminengebiet um Formosa aufmerksam.

Die Messe und die Botschaft Jesu ist in Santa Cruz so nah an den Menschen, so nah am Leben. Eine Gemeinde, die sich in der Tradition der Nachfolge Jesu einmischt und eintritt für die Rechte, die sie verkündet und das auf eine Weise, die weder pathetisch noch selbstherrlich, nein im besten Sinne des Wortes einfach „normal“ wirkt.