Argentinien: Zwischen Tango und Folter

Zwei Seiten Argentiniens: Abends noch eine Tangoshow im „Homero Manzi“, Höhepunkt der Freizeitgestaltung während unserer Lateinamerika-Reise. Heute dann ein Besuch im gefürchteten Foltergefängnis ESMA, einer früheren Armeekaserne.

Rund 5.000 Menschen wurden hier während der Militärdiktatur (1976-1983) verhört und brutal gefoltert. Mitten aus dem Leben gerissen und hierher verschleppt, mit Kapuze über dem Kopf, an Händen und Füßen gefesselt, Hunger und übelster Gewalt ausgesetzt, fristeten sie ein elendes Dasein. Manche nur ein paar Tage, manche über mehrere Monate. Jeden Dienstag entschieden die Befehlshaber von Armee und Geheimdienst, wer weiterleben durfte – und wer mittwochs über dem Rio de la Plata abgeworfen wurde.

Folteropfer Ana Maria Cariagua führt uns durch die Esma.

Folteropfer Ana Maria Cariagua führt uns durch die Esma.

Anna-Maria erzählt uns ihre Geschichte: Wie sie am 13. Juni 1977 auf der Avenida Corrientes in einen Wagen gezerrt wurde und für vier Monate im Gefängnis verschwand, im Alter von nur 16 Jahren und im dritten Monat schwanger. Ihre Mutter suchte sie an Polizeistationen, überall – und wurde so eine der Gründerinnen der Madres de la Plaza de Mayo, der mutigen Mütter der Verschwundenen. Auch sie wurde einige Monate später verraten, verhaftet und ermordet – nur drei Tage, bevor sie erfahren konnte, dass ihre Tochter ihr in Freiheit eine Enkelin geboren hatte.

Die ESMA – der letzte, beklemmende Eindruck der Hauptstadt. Beim letzten Sonnenstrahl hebt der Inlandsflug nach Norden ab. Resistencia – Widerstand – heißt das Ziel.

Alexander Brüggemann
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Adveniat ist mit sieben Journalisten in Argentinien, Paraguay und Brasilien unterwegs. Im Adveniat-Blog berichten sie. Höhepunkt der Reise ist die Eröffnung der Adveniat-Aktion am 27. November, die dieses Jahr erstmalig in Lateinamerika stattfindet.