Auf dem Pilgerweg durch die Rio de Janeiro

Rund 2 Millionen junge Menschen sollen es gewesen sein, die sich gestern auf den Pilgerweg nach Rio gemacht haben. Weil das schlechte Wetter mit Dauerregen den vorgesehenen Platz für den Abschlussgottesdienst des Weltjugendtages aufgeweicht und damit für solch ein Mega-Ereignis unbrauchbar gemacht hatte, war der Abschlussgottesdienst an die Copacabana verlegt worden. Und der 9.5 Kilometer lange Pilgerweg zog von der Zentralstation bis zur Copacabana.

Die Zentralstation, einst Landepunkt für die zahlreichen Arbeiter aus dem Bundesstaat Minas Gerais und dem Nordosten Brasiliens, ist heute nur noch ein Bahnhof für die Vorortzüge. Vorbei die Zeiten, da Züge bis nach Belo Horizonte, ja sogar bis zum Rio São Francisco fuhren. Die Dutra, die Autobahn zwischen Rio und São Paulo, ist heute die wichtigste Transportader Brasiliens, und an manchen Tagen voller als die A 40 im Ruhrgebiet. Billiger ist es ohnehin, Überlandbusse zu nehmen. In weniger als 20 Stunden ist man von Rio aus in Buenos Aires, dort, wo Papst Franziskus einst als Erzbischof wirkte.

Über die Avenida Presidente Vargas, die von der Nordzone der Stadt bis zur Candelaria reicht, zieht der Pilgerstrom. Die Jugendlichen, mit den Fahnen ihrer Länder bestückt, benutzen den ersten der vier Doppelstreifen der wichtigsten Straße Rio de Janeiros. Getulio Vargas, nach dem die Straße benannt ist, war während der Zeit des Zweiten Weltkriegs Präsident und Quasi-Diktator des Landes – seine Anhänger nannten ihn den „Vater der Armen“, obwohl es vor allem die Großgrundbesitzer waren, die unter seiner Präsidentschaft prosperierten.

Die Straße mündet an der Candelaria-Kirche auf die Avenida Rio Branco. Die Kirche bleibt links liegen, dabei wäre es gut, hier vorbeizuschauen. Vor dem Eingang sind acht Körperumrisse mit roter Farbe auf den Boden gemalt. Junge Pilger aus Chile, die nur einen Teil des Weges mitgehen, springen lautstark aus ihren Bussen, tanzen über das Pflaster. Niemand achtet auf die Umrisse auf dem Boden.

An der Candelaria-Kirche im Zentrum Rio de Janeiros erinnern Umrisse auf dem Pflaster an die Ermordung von acht Straßenkindern im Juli 1993.

An der Candelaria-Kirche im Zentrum Rio de Janeiros erinnern Umrisse auf dem Pflaster an die Ermordung von acht Straßenkindern im Juli 1993.

Es war vor ziemlich genau 20 Jahren, in der Nacht des 23. Juli 1993, als vor der Candelaria-Kirche acht Straßenkinder rücksichtslos erschossen wurden, die meisten von ihnen im Schlaf. Die Täter wurden bekannt verurteilt: Es waren Polizisten, wie schon so oft zuvor. Doch es war das erste Mal, dass jemand für den Mord an Straßenkindern in Brasilien ins Gefängnis musste. Der Richter kannte keine Gnade: 350 Jahre lautete das Strafmaß für die Schuldigen. Straßenkinder galten (und gelten vielen immer noch) als Abschaum, als Abfall des Systems, das es zu beseitigen gilt. Die Zahl der Straßenkinder lag in Brasilien 1995 bei als 100.000, und mit ihrer Zahl sank die Hemmschwelle der Polizisten, Paramilitärs und bewaffneten privaten Sicherheitsdienste. Die Zahl der ermordeten Straßenkinder wurde 1996 mit 596 angegeben.

Die „Bolsa Familia“, eine Art Kindergeld, das unter der Regierung Lula eingeführt wurde, hat seit 2003 die Situation der Straßenkinder verändert. Familien erhalten Unterstützung, wenn sie ihre Kinder auf eine Schule schicken. Schon 2006 erhielten 11,1 Millionen Familien Unterstützung durch die Bolsa Familia, heute sind es rund die Hälfte aller Familien in Brasilien, die Unterstützung erhalten – insgesamt entsprechen die Gelder 0,4 Prozent des BIP in Brasilien.

Bis heute zeugen die Silhouetten der acht Kinder auf den Pflastersteinen vor der Candelaria-Kirche von dem rücksichts- und sinnlosen Mord. Auf dem kleinen Rasenstück vor der Kirche stand einst ein schlichtes Holzkreuz, auf dem die Namen und das Alter der Kinder vermerkt waren. Das ist verschwunden. Eine edle Stele beschreibt stattdessen die Baugeschichte der Candelariakirche. Die Jugendlichen aus Chile reihen sich ein in den schier endlosen Pilgerzug, weiter Richtung Copacabana.

Die Kirche São José an der Praça 15 de Novembre dient vor allem als Hochzeitskirche für Paare aus der Mittel- und Oberschicht. Die Börse von Rio liegt gleich nebenan.

Die Kirche São José an der Praça 15 de Novembre dient vor allem als Hochzeitskirche für Paare aus der Mittel- und Oberschicht. Die Börse von Rio liegt gleich nebenan.

Am Platz des 15. November stoßen etliche Pilger dazu. Sie sind spät dran, aber die Fähre aus Niteroi, die hier anlandet, war hoffnungslos überlastet. Immer noch sollen dort Jugendliche auf die Überfahrt warten. Zwar gibt es seit 1974 die 13 Kilometer lange Brücke zwischen Niteroi und Rio, doch die ist weit im Norden. Die Pilger hasten am ehemaligen Parlament vorbei, an dem ein großes Banner auf den Weltjugendtag hinweist. Bis 1960 war Rio die Hauptstadt Brasiliens, bis Brasilia im geografischen Zentrum des Landes aus dem Boden gestampft wurde.

Die Kirche São José am südlichen Ende des Platzes ist festlich geschmückt. Sie ist eine beliebte Hochzeitskirche – eine Pfarrei gibt es hier nicht, sondern die 1842 fertiggestellte Kirche wird durch eine Bruderschaft betreut. Vor allem Paare aus der Oberschicht geben sich hier das Ja-Wort. Das Gotteshaus liegt gleich neben der Börse von Rio.

Die Dämmerung sinkt herab, und je dunkler es wird, um so mehr Sicherheitskräfte ziehen auf. Waren es zu Beginn nur die Männer von der „Seguridade municipal“, kamen später Sicherheitskräfte der Militärpolizei und jetzt auch Soldaten hinzu. Sie sind schwer bewaffnet, gerade hier, im Finanzzentrum Rios.

Vorsorge nach den Erfahrungen der Juni-Demonstrationen in Rio: Militär und Polizei sichern den Pilgerweg der Jugendlichen beim WJT in Rio de Janeiro.

Vorsorge nach den Erfahrungen der Juni-Demonstrationen in Rio: Militär und Polizei sichern den Pilgerweg der Jugendlichen beim WJT in Rio de Janeiro. Foto: Carolin Kronenburg

Man hat Erfahrungen. Am 17. Juni hatten Demonstranten im Kontext des Confed-Fußball-Cups die Avenida Rio Branco besetzt und die Scheiben einiger Banken eingeworfen und versucht, die Schalterräume zu erreichen. Einige Banken haben vorgesorgt und ihre Eingänge mit Holzplatten vernagelt. Doch die Hunderttausende mit den bunten Rucksäcken, Fahnen und Verpflegungseinheiten denken nicht an Gewalt. Singend ziehen sie zwischen den Hochhäusern des Bankenviertels nach Süden.

Zwischenstopp am Straßenrand: Jugendliche haben auf dem Weg zur Virgil eine Rast eingelegt oder auch gleich ihre Schlafsäcke ausgerollt. Foto: Carolin Kronenburg

Zwischenstopp am Straßenrand: Jugendliche haben auf dem Weg zur Virgil eine Rast eingelegt oder auch gleich ihre Schlafsäcke ausgerollt. Foto: Carolin Kronenburg

Am Strand von Flamengo biegt der Weg nach Westen ab, weiter geht es, immer am Atlantik entlang. Inzwischen gibt es keine Lücken mehr. Einige Jugendlicher haben bereits hier ihren Schlafsack am Straßenrand ausgebreitet und nehmen ein erstes Nickerchen.

In Botafogo erreichen die Pilger den Tunnel, der den Durchgang zum Strand von Copacabana bildet. Manchen deutschen Pilgern graust es in Erinnerung an das Unglück bei der Duisburger Love-Parade. Doch es bleibt ruhig im Tunnel, und auf der anderen Seite erstreckt sich über vier Kilometer lange Strand von Copacabana. Angekommen.

Christian Frevel