Auf nach Cochabamba!

Unsere letzten Minuten in La Paz gaben uns noch einmal eine Kurzversion unseres gut 10-tägigen Aufenthaltes. Auf dem Weg zum Flughafen in El Alto steckten wir eine halbe Stunde im chaotischen Straßenverkehr fest. Verursacht war das Ganze wohl von einem weiteren Protestmarsch durch die Stadt, den die seit Mittwoch hier campierenden TIPNIS-Indigenen zur Unterstreichung ihrer Forderungen spontan inszeniert hatten. An Ausweichen war nicht zu denken – die Polizei hatte große Teile des Zentrum abgesperrt.

Während wir derart hilflos in dem altersschwachen und engen Taxi japanischer Herkunft saßen und das um uns herum tobende Chaos betrachteten, blieb zumindest Zeit für philosophische Kurzbetrachtungen über das Funktionieren der bolivianischen Gesellschaft. Angeblich lassen sich ja durch das Betrachten fußballerischer Grundmuster Rückschlüsse auf den Charakter von Gesellschaften erschließen. Sollte ähnliches auch für den Straßenverkehr gelten, so ist leicht ersichtlich, wieso Bolivien immer noch mit sich selber ringt.

Zwar gibt es breite Avenidas, deren Fahrspuren jedoch nicht markiert sind. So fühlen sich die Verkehrsteilnehmer frei, jederzeit und für alle anderen überraschend durchaus interessante wenn auch gefährlich anmutende Zick-Zack-Manöver auszuführen und dabei die nicht vorhandene Fahrspur zu wechseln. Ohne sich vorher zu versichern, ob links und rechts noch andere Fahrzeuge ähnliche Absichten haben. Dazu kommen Straßenblockaden, zu denen jeder sich berufen fühlt, der ein Interesse durchzusetzen hat.

Derweil erstickt man in den dunklen Dieselrußschwaden, die aus den hoffnungslos veralteten Transportmitteln geschleudert werden. Eine von der Regierung angedachte Kontrolle der Abgaswerte soll angeblich am Protest einer der zahlreichen Transportgewerkschaften gescheitert sein. Eine Art TÜV gebe es übrigens, erfahren wir, wenngleich man die Plaketten besser gleich am Straßenrand kauft, um den zeitaufwändigen Besuch bei den Prüfern zu sparen.

Aber, und das ist das Erstaunliche – irgendwie klappt es dann doch noch alles. Wir kommen rechtzeitig zum Flughafen und sind nach einer knappen halben Stunde in Cochabamba, der drittgrößten Stadt Boliviens. Nach zuletzt 4.000 Metern Höhe freuen sich unsere Lungen über lediglich 2.400 Höhenmeter, die zusammen mit angenehmen 24 Grad und blauem Himmel die Ankunft perfekt machen. Umringt von braunen Hügeln, erstreckt sich Cochabamba über eine weite Hochebene. Überragt wird die Stadt von einer riesigen Christusstatue, die 1994 auf dem 250 Meter hoch ragenden Cerro de San Pedro errichtet wurde.

Am nächsten Morgen besuchen wir die Cristo de la Concordia genannte Statue. Um zwei Meter soll sie den Cristo in Rio de Janeiro überragen, wie eine an seinem Fuße angebrachte Tafel stolz erklärt. Mit dem Sockel misst sie über 40 beeindruckende Meter. Zwar ist der Blick von hier oben insgesammt ganz schön, kann jedoch überhaupt nicht an den über Rio de Janeiro heran reichen. Zurück in die Stadt geht es mit der kleinen Seilbahn, deren Gondeln gemütlich talwärts schweben. Zu Fuß solle man allerdings nicht hinabsteigen, warnen uns Anwohner. Überfälle, besonders auf Touristen, seien an der Tagesordnung. Dies immerhin hat man dann doch wieder mit Rio gemeinsam.

Thomas Milz