Ausflug in die „Schweiz Brasiliens“

Am zweiten Tag unserer Reise durch den brasilianischen Nordosten besuchen wir die Stadt Gravatá, gut 80 Kilometer von Recife entfernt gelegen. Nach der erdrückenden Hitze in der Küstenstadt Recife empfängt uns eine angenehme Kühle – Gravatá liegt auf 450 Metern hoch in den Bergen. „Serra das Russas“, die Berge der Russen, nennt sich der Gebirgszug, der nach einer traditionellen Familie benannt wurde, den „Russas“.  Ob die Familie tatsächlich russischer Abstammung war, kann uns niemand bestätigen.

Aufgrund des angenehmen Klimas nennt man Gravatá auch „die Schweiz Brasiliens“. Die Vororte bilden abgeschlossene Luxus-Wohnviertel, mit hohen Mauern umgebene „Condominios“, in denen die wohlhabenden Bürger Recifes ihre Ferienhäuser haben. Sogar ein bekannter TV-Moderator von Brasiliens Mediengiganten TV Globo aus Rio de Janeiro  soll hier seine Luxusvilla haben, inklusive eigenem Hubschrauberlandeplatz. Nachdem wir am Vortag durch einige  Armenviertel Recifes gefahren sind, fällt uns der hier zur Schau gestellte Reichtum besonders auf.

Doch unser Ausflug nach Gravatá führt in das Sozialprojekt ODIP „Obra de Defensa da Infancia Pobre – Werk zur Verteidigung der armen Kindheit“, so die etwas holprig wirkende deutsche Übersetzung. Mit den Worten „Willkommen in armen Teil von  Gravatá“ werden wir empfangen. Das von Salesianern geleitete Projekt bietet Kindern zwischen 4 und 18 Jahren zahlreiche  Aktivitäten an, von Sport über Kochkurse bis hin zu Berufsbildungsmaßnahmen. Hier können die Kinder und Jugendliche ihre  Freizeit verbringen, werden verpflegt und erhalten Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung. Für die ganz kleinen wird Grundschulunterricht gegeben.

Umgeben wird ODIP von einem Gürtel ärmlicher Hütten. Wohl 300 Familien „hausen“ hier unter erschreckenden Bedingungen; genaue Zahlen hat niemand. Vor über einem Jahrzehnt begann die illegale Besiedlung des einst öffentlichen Grundes. Pünktlich  zu jedem Wahlkampf würden Politiker versprechen, die Bewohner in Sozialwohnungen umzusiedeln. Doch nichts geschieht. „Im 21. Jahrhundert dürfte es so etwas eigentlich nicht mehr geben,“ so der Leiter des Jugendamtes von Gravatá, der uns begleitet. Gelder stehen angeblich zur Verfügung, doch sie kommen niemals hier an. Brasiliens altes und stets neues Übel, die  Korruption, ist Schuld, gepaart mit dem chronischen Unwillen der meisten Politiker, tatsächlich etwas für die Ärmsten der Armen zu tun.

Zwischen den aus Holz und Pappe improvisierten Hütten fließt ein Bächlein aus purem Abwasser, das im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel stinkt. Müllberge wachsen demselbigen Himmel entgegen, Schweine und Hunde mittendrin. Barfuß laufen Kinder durch das Hüttengewirr, die Kleinsten lediglich mit einer Windel gekleidet. Krankheiten würden sich schnell und ungehindert ausbreiten, sagt man uns. Arbeit hat kaum jemand hier, und viele Jugendliche suchen in der Kriminalität einen Ausweg aus dem Labyrinth. Halt haben sie lediglich durch die Salesianer, die den Menschen so gut es geht zu helfen versuchen.

Am Abend fahren wir auf den „Cruzeiro“-Berg hinauf, den höchsten Punkt der Stadt. Unter uns breitet sich die 70,000 Einwohner zählende Stadt aus. „Links seht Ihr die Nobelviertel, in der Mitte das historische Stadtzentrum, und der ganze Rest ist Elend,“ so unsere örtliche Begleiterin. Hoch auf dem „Cruzeiro“ breitet eine Cristo-Figur seine Arme über dem darunter liegenden abendlichen Lichtermehr aus. Eine Mini-Version des berühmten Vorbildes aus Rio de Janeiro. Wir müssen gehen. Nachts sei es nicht ratsam hier oben zu verweilen. Die Drogengang eines angrenzenden Favela-Slums habe eigenmächtig eine Ausgangssperre verhängt, an die wir uns auch besser halten sollten. Crack sei derzeit die beliebteste Droge in Gravatá, jene unsägliche Kokain-Mischung die sich rasend schnell über ganz Brasiliens ausbreitet.

Schweigend fahren wir zurück nach Recife, hinunter in die tropische Hitze der Küstenstadt, die aufgrund seiner zahlreichen Kanäle das „Venedig Brasiliens“ genannt wird. Noch so ein Name, der leicht in die Irre führt.

Text und Fotos: Thomas Milz