Vergebliche Flirtversuche

Hui! Jetzt hätte ich fast zu „meiner“ haitianischen Tochter auch noch einen haitianischen Mann dazu bekommen – aber nur fast …

Schulkinder in Haiti: Erziehung ist wichtig, um die Kinder für die Zukunft fit zu machen. Foto: Martin Steffen

Schulkinder in Haiti: Erziehung ist wichtig, um die Kinder für die Zukunft fit zu machen. Foto: Martin Steffen

Ich war heute in der Schule in einer recht schwierigen Klasse, und der Lehrer in der Klasse war nicht weniger schwierig.
Diese vierte Klasse hatte die Angewohnheit, dass sie die Gummibänder, die sie zum Knüpfen der Loom-Armbänder bekamen, sofort wegsteckten – um kurz darauf wieder auf mich zuzukommen und so zu tun, als hätten sie noch keine bekommen. Das machten sie dann bis zu vier mal und ich wunderte mich, warum auf einmal alle Bänder weg und nichts mehr zum Basteln da war.
Dieses Phänomen war mir bereits im April aufgefallen, als ich während meiner ersten Haiti-Reise Lollies an Kinder verteilte. Schnell hatte ich bemerkt, dass einige Kinder die Lollies rasch heimlich wegsteckten, um dann zwei Minuten später noch mal einen zu ergattern. Die Kinder hier wachsen im Zustand des Mangels auf, und sie lernen schnell: wer am besten schummelt, bekommt am meisten. Wenn sie die Gummibänder horten (was mir nun, ehrlich gesagt, ziemlich egal ist, außer dass dann keine mehr da sind) können sie nach der Schule Zuhause noch ein oder zwei weitere Armbänder basteln. Es tut mir dann nur um jene Kinder leid, die nicht so „frech“ sind. Denn die gegen leer aus.
Nun, die Schwierigkeit an dem Lehrer war, dass er sich mir als „Mann“ schmackhaft machen wollte, und ich nicht vor ihm flüchten konnte, da um mich das Gewusel der Kinder tobte, die mir ständig ihre Loombänder in die Hand drückten, wenn sie nicht weiter wussten.
Er fragte also, ob ich Kinder hätte. „Nein“, antwortete ich, kurz angebunden. „Nein.“
Er: „Oh, nicht?“ Und: „Oooh! Keinen Mann? Da kann man doch was machen?“ Ob ich denn noch nicht mit dem Gedanken gespielt hätte, mir hier in Haiti einen zu suchen? (zwinker zwinker) „Die sind hier seeeeeeeeeehr charmant!.“ Ich vertiefte mich noch mehr in meine Arbeit und half Kindern, Loombänder zu knüpfen. Er ließ sich aber nicht von der Balz abbringen. „Was heißt ‚Ich liebe dich‘ auf Deutsch?“ Ich hab ihm dann leider auch noch gesagt, dass das „Ich liebe dich“ heißt, woraufhin er mir die nächsten zehn Minuten „Ich liebe Dich“ von der Seite zuflötete.
Hätte ich ihm doch stattdessen gesagt, die Übersetzung wäre: „ich bin ein Huhn“, dann hätte ich wenigstens was zu Lachen gehabt, wenn er mich ganz verführerisch mit „ich bin ein Huhn“ zutextet. Aber zu spät.
Dann spielte er gleich seinen nächsten Trumpf aus: Ob ich nicht jemand bräuchte, der mir Kreolisch beibringt. „Non, brauche ich nicht – ich komme gut durch“, musste ich ihn auf der Stelle abwürgen.
Ich war auch tatsächlich total verwirrt, weil, auf seltsame Weise, alle meine Gummibänder verschwunden waren …
Zurück im Schwesternhaus, bekam ich auch nicht meine wohlverdiente Ruhe: Eine Gruppe sehr gesprächiger US-Amerikaner von einer Charity-Organisation aus Minnesota war zu Besuch und wollten sich mit mir intensiv über Haiti austauschen. Ich wollte gerade nur eines: Essen. Das hielt die Amerikaner aber nicht davon ab, mir ausführlich weiter von ihrer Organisation zu berichten.
Später fragte mich der zwölfjährige Waisenjunge Vincent, warum ich nicht mit den „Weißen“ den Nachmittag verbringen wolle. Ich antwortete: „Weil diese Amerikaner zuviel Reden und zu laut sind.“ Das konnte er sehr gut verstehen. Weiterlesen

„Plötzlich Mutter“

Ich hab mich vorhin lange mit Shelda unterhalten. Sie fragte mich, ob ich keine Kinder möchte. Ich sagte: „Doch, klar – hab nur keinen passenden Mann dazu.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht: „Du könntest mich adoptieren. Dann hättest Du ein Kind. Und ich könnte Mama zu Dir sagen!“ Ach Du Schreck, denke ich, „plötzlich Mutter!“

Shelda, 15-jähriges Mädchen im Haus der Schwestern in Léogâne, Haiti

Shelda, ein 15-jähriges Mädchen im Haus der Schwestern in Léogâne, Haiti

Shelda ist 15!  „Ich hätte es lieber, dass Du mich, wenn wir ausgehen, als eine von Deinen Freundinnen bezeichnet würdest.“ Im ersten Moment fand es das total süß, dass Shelda mich als „Mama“ haben will, aber man darf hier nie vergessen: Die Kinder und Menschen sind sehr arm und sehen in Ausländern immer das Tor zu einem besseren Leben. Das ist erschreckend, aber wahr. Kurz darauf sagte Shelda mir dann auch, sie würde gerne mit nach Deutschland kommen, sie könne sich das aber nicht leisten. Diesen Wink mit dem Zaunpfahl hab ich dann ignoriert. Schließlich flüsterte sie mir zu, dass sie mich gerne etwas fragen würde, das dürfe ich aber nicht Schwester Miriam sagen, dann bekäme sie Ärger. Ich habe ihr versprochen, nichts zu verraten (Schwester Miriam liest diesen Blog nicht, sie kann kein Deutsch). Shelda fragte mich nach ein wenig Geld fürs Schulessen. Sie geht aufs Collège in Léogâne. Schwester Miriam hatte ihr das Geld für diese Woche schon im Voraus gegeben (ein Schulessen kostet umgerechnet etwa drei Dollar pro Tag), und Shelda hatte das Geld wohl für etwas Anderes investiert (Make-up? Kleidung?). Nun hatte sie kein Geld mehr für das Essen.
Natürlich habe ich ihr das Geld gegeben. Ich hoffe nur, dass sich das unter den Kindern nicht herumspricht, sonst werden sie mich von nun an immer nach Geld fragen. Einerseits sind drei Dollar für eine Deutsche nicht wirklich viel Geld, aber es ist mehr, als ein Haitianer normalerweise am Tag zur Verfügung hat. Und wenn man mit dem Geldgeben anfängt, kann man kaum mehr damit aufhören. Es mangelt eh an allen Ecken und Enden. Zudem muss man wissen, dass für viele Kinder das Schulessen die einzige Mahlzeit am Tag ist. Weiterlesen

Zwei Messen und ein zu kurzer Rock

„Ich glaube irgendwas ist an dem Hahn ist kaputt. Er hat heute Nacht sowohl zur vollen als auch zur halben Stunde gekräht.“ Das waren heute morgen meine Worte zu Schwester Miriam. Abgesehen davon hab ich das Gefühl, dass der ganze Ort die halbe Nacht auf den Beinen war (es ist Wochenende, die Nacht von Samstag auf Sonntag) und  laut gröhlend und Musik spielend die Straße vor dem Kloster hinunterfuhr.

Die Novizinnen der Ordensgemeinschaft bewässern die Pflanzen im Garten der Gemeinschaft in Léogâne.

Die Novizinnen der Ordensgemeinschaft bewässern die Pflanzen im Garten der Gemeinschaft in Léogâne.

Das Problem mit den Mosquitos und den illegalen Mosquitoeinwanderern habe ich durch ein Mosquitonetz lösen können, das wir an einem Haken über meinen Bett befestigt haben. Mein karges Zimmer sieht dadurch ein bisschen edler aus – wie ein Zimmer mit Himmelbett. Bei uns in der Küche herrscht große Aufregung: Ein Pfarrer ist zu uns gekommen, um mit uns in der Klosterkapelle eine Messe zu feiern. Die Klosterkapelle ist ein einfaches Zimmer, ausgestattet mit Stühlen, einem Altar, einem einfachen Holzkreuz und einigen sehr kitschig anmutenden Blinkkerzen, die rot-rosa-gelb-blau leuchten. Einige funktionieren sogar bei Stromausfall, weil sie batteriebetrieben sind. Für eben jenen Fall des Stromausfalls gibt es in der Kapelle auch kleine Taschenlampen, damit man auch frühmorgens oder abends im Dunkeln den Text der Psalmen noch ablesen kann. Auf und neben dem Altar finden sich dann noch jede Menge Plastikblumen.
Mit einem Knall geht die Tür auf, und Shelda stürmt in die Küche. Sie ist ein fünfzehnjähriges, sehr hübsches Waisenmädchen, das davon träumt, später mal Ärztin zu werden. Sie hat zur Feier des Sonntages ein extra knappes, extra kurzes Kostümchen angezogen. Die Schwester schauen entsetzt – so könne sie unmöglich in die Messe gehen. Schwester Edna fackelt nicht lange und springt in die Bresche bzw. das Sichtfeld des Pfarrers, und Shelda und versucht vergeblich, den Rock etwas weiter Richtung Knie zu ziehen, was den Effekt hat, dass der kurze Rock nun zwar untenrum etwas Richtung Knie gewandert ist aber oben Richtung Hüfte. Tja, ein kurzer Rock bleibt eben ein kurzer Rock. Zum Gottesdienst erscheint Shelda dann auf deutliche Bitte von Schwester Edna mit einem etwas längeren Rock..
Um 8h beginnt die Messe. Hier verstehe ich leider nur die Hälfte, und ich summe bei den Gebeten in Sprechlage auf „Hmmm… Hmmmm… Hmmmm“ mit und mache dabei ein bedeutungsvolles Gesicht. Aber in der Gruppe der Schwestern fällt das Gott sei Dank nicht weiter auf.
Der Pfarrer predigt über die Religionen, die von den Menschen missverstanden und missbraucht werden, um eine Rechtfertigung für Gewalt zu haben und kommentiert damit das „Charlie Hebdo“-Attentat in Frankreich. Muslime gibt es in Haiti nicht so viele, so dass das Thema weit weg scheint. Ich muss unfreiwillig an die Kreuzzüge und ihre politische Dimension denken und daran, dass die Christen auch nicht immer die Friedlichsten waren.
Nach der Messe fragt mich Schwester Alta, ob ich Interesse hätte, mit Schwester Edna nach Léogâne zu fahren. Natürlich hab ich das! Ich mag ja auch was sehen von der Region! Nichtsahnend, dass ich zwanzig Minuten später wieder in einer Kirche stehe, diesmal in der 9:30 Uhr Messe in Léogâne.
Also summe ich wieder brav meine Gebete, es ist halt Sonntag. Diesmal bekomme ich die Messe von einem Gospelchor untermalt, der wirklich sehr schön singt. Der begleitende Keyboardspieler kämpft mit seiner Kabelverbindung zum Lautsprecher, aus dem immer wieder ein ohrenbetäubendes Knacken und Rauschen ertönt, welches die wohlgesinnte Gemeinde aber bereitwillig überhört. Ungefähr zehn Minuten dauert dieser  lärmende Kampf, dann gibt er auf. Den restlichen Sonntag (vor der Abendmesse) verbringe ich erst lesend, später mit den Novizinnen Pflanzen bewässernd im Garten. Schließlich verpassen Shelda und ich uns gegenseitig eine Pediküre mit Lack, und ich kann sie ein bisschen über ihr Leben zu befragen.
Kurz darauf kehren die Schwestern zurück, die eigentlich nachmittags nach Nippes aufgebrochen waren. Doch da die Straße von Gegen-den-Präsidenten-Demonstranten blockiert waren und die Weiterfahrt dann zu gefährlich war, sind sie wieder umgekehrt. Es gibt halt nur die eine Straße, und wenn dort kein Durchkommen ist…
Es ist in Haiti doch nicht alles so friedlich wie bei „meinen“ Schwestern. Weiterlesen

Eva und die beiden Novizinnen

„Wir kommen mit Dir mit nach Deutschland.“ Entzückt über ihre eigene Idee lächelnd, stehen die beiden vierundzwanzigjährigen Novizinnen vor mir. Rosalie und Almandie sind beide seit zwei Jahren im Schwesternhaus in Léogâne. Sie sind sehr lustig und umgänglich.

Die beiden Novizinnen Rosalie und Almandie üben mit Eva Habermann deutsche Lieder: "An Tagen wie diesen" … Foto: Habermann

Die beiden Novizinnen Rosalie und Almandie üben mit Eva Habermann deutsche Lieder: „An Tagen wie diesen“ … Foto: Habermann

Almandie hat öfters Lachanfälle beim Essen, kriegt sich nicht mehr ein und fällt dabei immer fast vom Stuhl. Rosalie ist etwas rundlich und nimmt sich beim Mittagessen und Abendessen immer die doppelte Portion. Sie sind den ganzen Tag am arbeiten, ob in der Schule, im Haushalt, oder sie studieren religiöse Bücher. Sie gehen jeden Donnerstag und Freitag nach Port-au-Prince in die Schule. Weiterlesen

Der Fluch der Loomies

Ich mochte sie ja am Anfang sehr gerne … nun habe ich fast einen Hass auf sie entwickelt: die Loom-Armbänder. Ich kann mit den Kindern singen, spielen, ihnen Geschichten erzählen, Loomies sind und bleiben ihr absoluter Favorit. „Noch ein Armband für die Mama, noch eines für den besten Freund.“

Stolz recken die Kinder ihre Handgelenke in die Höhe, an denen die Loombänder prangen. Foto: Eva Habermann

Stolz recken die Kinder ihre Handgelenke in die Höhe, an denen die Loombänder prangen. Foto: Eva Habermann

Meine Finger sind wund und mein Nacken erfüllt von einem stechenden Schmerz vom „auf die Finger starren“. Ich habe jetzt nach und nach ganzen Schulklassen beigebracht, wie man Loomarmbänder knüpft. Mit der Erkenntnis: Manche lernen es nie. Und manche lernen es sofort. Und ich wusste bisher nicht, wie man es schaffen kann, sich selbst die Finger mit den Bändern so zu verknoten, dass man es kaum mehr aufkriegt. Aber die meisten Kinder haben große Freude dran, selbst die Verwicklungskünstler.
Eine weitere erschreckende Erkenntnis ist: Sobald die Lehrer anfangen ein Band für sich zu knüpfen, sind sie auch sie im „Loomie-Land“. Dreißig durcheinander laufende und rufende Kinder werden dann komplett mir überlassen, die Kinder könnten auf den Tischen tanzen oder den Klassenraum anzünden. Alles egal – zuerst muss der Lehrer sein Loom-Band fertigstellen, danach ziert ein Armband seinen Arm, ein breites Lächeln sein Gesicht und er ist wieder ansprechbar. Na, Gott sei Dank.
Letzte Erkenntnis: ich hab schon jetzt keine Verschlüsse mehr und hätte statt meinem Computer lieber noch eine XXXXL-Kiste Loomies mitgenommen, da ich hier eh kein Netz habe und alles auf meinem Handy tippe.
Heute Nacht habe ich denkbar schlecht geschlafen, weil der offensichtlich debile Hahn (ja, es gibt hier Hunde, Katzen, Hühner, Ziegen und Schweine) meinte, immer zur vollen Stunde krähen zu müssen, sei es 1 Uhr, 2 Uhr oder 3Uhr nachts. Schon eine beachtliche Leistung, aber sehr störend, wenn man schlafen möchte. Ich weiß nur deshalb so genau die Uhrzeit, weil ich jedes Mal komplett entnervt auf mein Handy geschaut habe. Und ich hatte ein oder zwei fiese Moskitos in meinem Zimmer, die sich trotz Fliegenschutzgittern vor meinen Fenstern illegal in mein Zimmer geschlichen hatten. Da aber der Strom ausgefallen war, war es zu mühsam, im Dunkeln mit Taschenlampe auf Moskitojagd zu gehen.
Ich hoffe der Hahn hält heute Nacht den Schnabel. Jetzt ist Wochenende, und ich habe noch keinen genauen Plan, was ich genau tun werde. Vielleicht mache ich mit den Schwestern und den Waisenkindern einen Ausflug nach Jacmel, eines der landschaftlich schönsten Gebiete in Haiti. Weiterlesen

Im haitianischen „Supermarkt“ mit Eva im Bilderrahmen

Eva Habermann bei einem Gottesdienst während ihres Aufenthalts im April 2014. Foto: Adveniat/Steffen

Eva Habermann bei einem Gottesdienst während ihres Aufenthalts im April 2014. Foto: Adveniat/Steffen

Der Ausflug nach Léogâne war eher erschreckend. Außerhalb des Schwesternhauses herrschen echte Armut und auch Verzweiflung. Eine junge Frau bettelte die Schwestern um Geld an, um sie anschließend wüst als „méchant“ (böse) zu beschimpfen, als sie ihr nichts gaben. Die Frau machte aber auch den Eindruck, als stände sie unter Drogen. Sie war auf jeden Fall sehr aggressiv, und die Schwestern rieten mir dringend, ihr nichts zu geben, da sie „verrückt“ sei. Das war eine wirklich unangenehme Situation für mich. Weiterlesen