Besuch im Orinoco-Delta

typische Behausung, San Francisco del Guayo, Foto: viajeros.com

Gegen 5.30 h brachen wir, der Bischof von Tucupita, die Verwalterin des Apostolischen Vikariats und ich, zum Besuch des Orinocodeltas auf. In der Anlegestelle Volcán bepackten wir unser Schnellboot, das uns nach Guayo bringen sollte. Dank des starken Motors und des guten Wetters kamen wir bereits nach 3 ½ Stunden Bootsfahrt in San Francisco de Guayo in der Nähe des Atlantik an. Normalerweise macht man den Weg in sechs bis acht Stunden, je nach Wetterlage und Schwere des Bootes. In Guayo wurden wir von einer Schwester in der Missionsstation herzlich Willkommen geheißen.

Orinoco Delta. Foto: Mulder, flickr

San Francisco de Guayo ist im Laufe der Jahre von der reinen Missionsstation der Kapuziner zu einem recht großen Dorf mit weit über 1.000 Einwohner gewachsen. Früher unterhielten die Kapuziner ein Internat für Jungen und Mädchen. Aufgrund der verbesserten Bildungsmöglichkeiten und auch wegen des geringer werdenden Personals mussten die Kapuziner das Internat vor wenigen Jahren aufgegeben. Die Schwestern führen aber weiterhin ein kleines Internat für Mädchen.

Am Nachmittag machten wir einen Rundgang durch das Dorf. Man kann zwei Zonen unterscheiden: Die Bewohner, die am Fluss in einfachen Behausungen und quasi in Unordnung und zwischen Abfall leben, und die, die bereits in Richtung des Festlands gebaut haben. Hier sind die Häuser organisiert und sauber. Mir fiel auf, dass fast jedes Haus einen Fernseher und eine Satellitenanlage besitzt. Auch eine Stereoanlage darf nicht fehlen. Beide Geräte laufen, wenn es Strom gibt.

Einerseits erklärten mir meine Begleiter, dass das Volk der Guarayos immer mehr seine Identität verliert, andererseits nehmen Tanz und vor allem die Träume einen bedeutenden Platz in ihrem täglichen Leben ein. Schicksalsschläge wie Krankheit und Tod werden damit begründet, dass man verflucht wurde. Die gesamte Familie geht dann auf die Suche nach der oder dem Schuldigen. In der Regel konsultiert man Schamanen, aber auch immer mehr fremde Personen, denen eine besondere Beziehung mit der Traumwelt und Gott nachgesagt werden. Die Familien bezahlen für diese Informationen häufig horrende Summen. Die Konsequenzen für die der „Hexerei“ beschuldigte Person sind fatal.

Reiner Wilhelm