Bolivien: Besuch in den Basisgemeinden

Die Gemeinde „Santiago Apostolo“ im Stadtteil Munaypata liegt hoch über dem Zentrum von La Paz. Padre Fausto Dossi hat hierher zum 16. Treffen der Basisgemeinden der Erzdiözese La Paz eingeladen. In traditionellen Trachten präsentieren diese typische Tänze, verbreiten Freude unter den Zuschauern. Neun Basisgemeinden sind hier heute vertreten, die nach den Seiten offene Sporthalle des Gemeinde eigenen Schulzentrums ist mit einigen Hundert Menschen gut gefüllt. Im Hintergrund schaut man auf die an den steilen Berghängen gebauten schlichten Häuser der Peripherie.

Die Basisgemeinden, CEBs genannt, haben in der Kirche Boliviens eine lange Tradition. Während der Militärdiktatur in den 70er und 80er Jahren entstanden sie hauptsächlich in den armen Stadträndern der bolivianischen Städte. Hier organisierten ihre Mitglieder den friedlichen Widerstand gegen das ungeliebte Militär. Politische Diskussionen zeichneten damals die Treffen der Basisgemeinden aus, berichtet Schwester Marta Arnez, die damals schon dabei war. „Doch die Zeiten haben sich geändert,“ fügt sie hinzu.

Seitdem Bolivien zurück zur Demokratie fand und mit Evo Morales einen Präsidenten mitten aus dem Volk hat, ist die Bedeutung der CEBs stetig zurück gegangen. Gegen wen soll man sich nun organisieren, gegen wen klagen, steht einem jeden doch vermeintlich die Tür zum sozialen Aufstieg offen. Doch die Errungenschaften des von der Regierung laut angekündigten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ sei bei vielen Menschen der Peripherien niemals angekommen, hört man so manchen inmitten des feierlichen Trubels klagen.

In der Region von La Paz leben vor allem Aymara-Indios, die in Bolivien die größte Volksgruppe bilden. Sie bezeichnen sich selbst als verschlossen gegenüber Fremden und misstrauisch gegenüber den Errungenschaften des modernen Lebens. „Ich war ein schüchterner Mensch,“ berichtet Marcelo Cruz, der die CEBs in La Paz koordiniert. „Wir Aymaras wurden stets von der Gesellschaft schlecht behandelt, nicht für voll genommen, und das hat sich in unserem fehlenden Selbstbewusstsein nieder geschlagen.“

„Levantar los ojos“, die Augen erheben, das hatte Padre Fausto in seiner kurzen Ansprache zu Beginn des Treffens von den Teilnehmern gefordert. Stolz sein, der Realität in die Augen schauen, sich nicht verstecken – all das mögen die Menschen der Peripherie von La Paz umsetzen. Wie so oft hilft die Musik, der Tanz, der verbindet und Kontakte unter den Menschen schaffen kann. Voller Freude verlassen die Menschen das Treffen in der „Santiago Apostolo“ Gemeinde. Die Sonne geht schon fast unter, der über die Hügel ziehende Wind wird an diesem Frühlingsabend eisig kalt.

Unser Weg führt uns noch in die CEB-Gemeinde Tupac Amaru, gelegen auf der höchsten Stelle von La Paz. Wir sind auf fast 4.000 Metern, und unter uns breitet sich die nächtliche Stadt in einem schier endlosen Lichtermeer aus. In einer kleinen Hütte haben sich 9 Menschen versammelt, Aymaras, die in ihrer eigenen Sprache singen und beten. Sie sind herzlich, freuen sich über unseren Besuch, bieten uns die traditionellen Cocablätter zum kauen an. Doch als wir das Gespräch suchen, wirken sie eingeschüchtert, wollen zuerst nicht viel sagen.

Wir trinken ein wenig Tee, essen Gebäck, lauschen den Gesängen in der für uns so fremden Sprache. Sie beginnen die Texte der Kirchenlieder für uns ins Spanische zu übersetzen, beginnen zu lachen, lösen sich ein wenig. Seit 25 Jahren versammeln sie sich bereits in der kleinen Hütte. Wo auch sonst? An der Peripherie fehlt es den Gemeinden an Strukturen, müssen sich die Gläubigen oft selbst organisieren. „Wenn wir eine Kirche, ein Gemeindezentrum hier hätten, würden wir sofort dorthin gehen. Aber so etwas gibt es hier oben nicht,“ berichtet uns einer der Aymaras. Als wir gehen, schauen sie uns freundlich nach. „Levantar los ojos“, denke ich, als wir durch die kalte Nacht davon gehen.

Text und Fotos: Thomas Milz