Bolivien: Besuch in TIPNIS

Wir werden bereits erwartet. Als das kleine Flugzeug sanft auf der Graspiste von Santíssima aufsetzt, sehen wir schon die Menschentraube. Die fünf Schwestern des peruanischen Ordens „Jesus, Verbo y Victima“ haben gut 50 Kinder aus der Schule des Urwalddorfes mit an die Landebahn gebracht. Freudiges Winken und Händeschütteln, dann klettern die Kinder schon neugierig auf den Tragflächen der Cessna herum.
Wir sind in TIPNIS, Boliviens letztem Urwaldparadies, dessen Schutz sich derzeit so viele Menschen auf ihre Fahnen geschrieben haben. Sieben Bewohner aus Santíssima haben an dem Marsch nach La Paz teilgenommen, der Präsident Evo Morales dazu gezwungen hatte, den Bau einer Fernstraße mitten durch den Park zu stoppen. Zurück sind die Helden noch nicht. Heute oder morgen wollen sie aus La Paz aufbrechen. Ihre Frauen und Kinder erwarten sie bereits sehnsüchtig.

Seit 2001 leben die Schwestern in Santíssima, von wo aus sie per Kanu und Allradwagen das riesige Gebiet seelsorgerisch betreuen. Jetzt kurz vor der Regenzeit mussten sie das Allradfahrzeug nach Cochabamba bringen. Hier nützt es ihnen nichts mehr, steigt doch der Wasserpegel derart hoch, dass das Dorf zu einem Eiland inmitten eines riesigen Sees wird, aus dem nur noch die Baumkronen hervorstehen werden.

Nur wenige Meter von der Dorfkirche entfernt verläuft eine schmale Erdstraße durch die Ansiedlung. Gut ein Drittel des Naturparks wird von ihr durchzogen. Links und Rechts haben sich bereits „colonos“ angesiedelt, darunter viele Hochlandindios, die in den 70er und 80er Jahren hier hergekommen sind. Vor ihren Häusern trocknen auf riesigen Plastikplanen Berge von Cocablättern. Wir wollen mit den Bewohnern reden, doch die Schwestern raten uns davon ab. Der Streit um die Fernstraße hat auch das Dorf gespalten.
Nach den Plänen der Regierung sollte die durch das Dorf führende Erdstraße zu einer breiten Autobahn ausgebaut werden, die TIPNIS in der Mitte durchquert und die an den beiden Endpunkten liegenden Städte San Ignacio de Moxos und Villa Tunari miteinander verbindet. Die Hochlandindios, die als „Cocaleros“, als Cocabauern, ihren Lebensunterhalt verdienen, wollen die Straße. Die Gegner des Projektes befürchten, dass demnächst noch mehr Cocaleros hier siedeln werden, sollte die Straße den derzeit unzugänglichen Teil von TIPNIS ebenfalls erschließen.

Die Schwestern erzählen uns von den dort lebenden Indigenen, die bisher von der modernen Welt nahezu unberührt leben. Oftmals sind sie fünf oder sechs Stunden mit dem Kanu unterwegs, um die entlegenen Dörfer zu erreichen, in denen sie Katecheten ausbilden. Unterstützt werden sie dabei von Adveniat. Sie wissen, dass die Straße auch Vorteile hätte, die Versorgung von Kranken erleichtern und die Preise für Lebensmittel und Gebrauchsgüter senken würde. Doch die Nachteile überwiegen, meinen sie. Leichte Zugänge bringen viel Übel mit sich.

Am Nachmittag, als wir wieder Richtung Santa Cruz de la Sierra zurück fliegen, sehen wir, was sie meinen. Über dem Urwald liegen dichte Qualmwolken, die bis hier hoch in das Innere des Flugzeugs dringen. Der Urwald wird abgebrannt, um Platz für neue Felder zu machen. Cocafelder meist, denn das hier ist das ideale Terrain für die Cocapflanze. Zum Verzehr eignen sich die hier angepflanzten Blätter jedoch nicht, da sie zu bitter sind. Einzig für die Produktion von Kokain sei sie nütze, erfahren wir von unserem Piloten, der seit 25 Jahren die Region überfliegt.

Radarkontrollen gebe es ebenfalls nicht, sagt er. Wer ein Flugzeug hat, kann machen, was er will. Wir kommen in Santa Cruz an, ohne dass unser Flugzeug durchsucht wird. Wie ernst nimmt Boliviens Regierung den Kampf gegen die Drogenproduktion, fragen wir uns. Immerhin ist der Bau der TIPNIS-Straße erst einmal gestoppt. Präsident Morales hat den Park für „unantastbar“ erklärt. Das könnte ein Vorwand sein, um den Indigenen die touristische Nutzung des Parks zu untersagen, meint unser stets skeptischer Pilot. Geht ihnen erst einmal die einzige Einnahmequelle verloren, werden sie sich schon wieder mit der Regierung an einen Tisch setzen und die Straße eventuell akzeptieren, meint er. Wir hoffen, dass er sich täuscht.

Thomas Milz