Bolivien: Karneval zwischen Glaube und Party

_MG_4017

Zum bolivianischen Karneval gehört nicht nur ausgelassenes Feiern, sondern auch eine Segnung und der Dank an Pachamama, Mutter Erde. Fotos: Achim Pohl

Wer in Bolivien Karneval feiert, darf nicht wasserscheu sein. Seit Donnerstag laufen alle Kinder und Jugendlichen mit Wasserpistolen oder Wasserbomben (kleine Luftballons mit Wasser gefüllt) bewaffnet durch die Straßen und „schießen“ jeden ab, der an ihnen vorbeikommt. Auch offene Autofenster entgehen ihnen nicht. Manche Kids sind auch mit Spraydosen voll weißem Schaum bewaffnet.

Den sprühen sie so stark auf ihr Gegenüber, dass Gesicht, Haare und Oberkörper nach wenigen Sekunden komplett weiß sind. Die Tradition ist gleichzeitig Spaß und Geschäft. Überall an den Straßenrändern werden Wasserpistolen, Schaumspray und auch mit Wasser gefüllte Luftballons angepriesen. Viele Marktfrauen schulen von Obst und Gemüse für ein paar Tage auf Wasser um. Schließlich darf einer Woche feuchtes Feiern nichts im Weg stehen. Dabei ist es in El Alto, La Paz, zur Karnevalszeit nicht warm. Ständig weht ein kühler Wind und immer wieder kommen starke Regenschauer runter. Das hindert aber niemanden daran aufzugeben. Entsprechend sehen vor allem die Kids schon nach kurzer Zeit aus: nass und klebrig.

Party statt Schule

_MG_4102Und genau so kommen sie am letzten Schultag vor den „Karnevalsferien“ (Montag und Dienstag sind Feiertage) in die Schule. Verkleidet hingegen ist fast niemand, nur vereinzelt jüngere Schüler. In der Schule „Nuevo Amanecer“ in El Alto ist am Freitag kein Unterricht, sondern Karnevalsparty. Seit Wochen haben sich Lehrer, Eltern und Schüler darauf vorbereitet.

Bolivien hat eine große Tradition an Tänzen und Musik – auch speziell für den Karneval. In jeder Region des Landes gibt es andere Rhythmen, Kostüme und Tanzarten. Bei den Karnevalsumzügen sind sie einmal im Jahr alle gemeinsam präsent. In der Schule führen einige Schüler die besonderen Tänze vor: von engem Paartanz bis hin zu wildem Rumgehüpfe. Bei letzterem soll und kann jeder mitmachen – Hauptsache es macht Spaß.

Dank an Mutter Erde

Zum bolivianischen Karneval gehört aber nicht nur ausgelassenes Feiern, sondern auch eine Segnung und der Dank an Pachamama, Mutter Erde. Diese Tradition, die „ch’alla“ heißt, fällt mit dem Karneval zusammen und scheint in seinem Zentrum zu stehen. Am Freitag werden alle Arbeitsstätten gesegnet und Pachamama gedankt: Büros, Baustellen, Schulen und Kirchen werden mit Luftballons, Girlanden und Blumen geschmückt. In jede Ecke wird Alkohol geträufelt. Zuletzt wird alles mit einem oder mehreren ohrenbetäubend lauten Böllern ausgeräuchert.

Beim Schulfest führt ein Aymara den Brauch ganz ausführlich vor: Er entzündet ein Feuer und gibt Bier, Schnaps, Zucker und Fleisch als Opfer in die Flammen. Um das Feuer herum träufeln Frauen Bier. Zuletzt bespritzt der Aymara mit einer geschüttelten Bierflasche alle Zuschauer.

_MG_4027Der Dank an Pachamama wird in Bolivien sehr ernst genommen, denn er soll im neuen Jahr Glück bringen. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass in den Karnevalstagen viele Gebäude und Fahrzeuge bunt geschmückt sind. Ab Dienstag auch die Häuser, denn da steht die Segnung des Eigenheims an.

Nach der ch’alla wird mit Bier oder Schnaps angestoßen, manchmal wird ein großes Fest organisiert. Die Taxi- und Busfahrer in El Alto nehmen das Feiern sehr ernst. Am Samstagabend versperren ihre geschmückten Bussen ganze Straßenabschnitte, damit sie dazwischen in Ruhe tanzen und trinken können. Da es so viele ch’allas in El Alto gibt, ist nahezu jede größere Straße ab einem gewissen Punkt gesperrt. In dem Chaos ist es beinahe unmöglich ans Ziel zu kommen. Da hilft nur: Ruhe bewahren oder mitfeiern.