Kolumbien: Opfer und Täter Tür an Tür

Auf dem Gelände des neuen Zentrums: Padre David Fernandez und Adveniat-Bischof Franz Josef Overbeck. Foto: Christian Frevel

Als Padre David Fernandez vor gut zwei Jahren nach Bosa kam, zählte Stadt etwa 48.000 Einwohner. Inzwischen sind es mehr als 100.000, und das weitere Wachstum kann man mit Händen greifen. „Überall werden Wohnhäuser errichtet, täglich ziehen Menschen hierher. Unsere Gemeindestrukturen reichen längst nicht mehr aus.“

Bosa, je nach Verkehrslage zwischen einer und zwei Fahrtstunden südwestlich der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá gelegen, ist ein wichtiger Anlaufpunkt für die Vertriebenen innerhalb Kolumbiens geworden. Die Regierung hat hier in den letzten vier Jahren zahlreiche Sozialwohnungen für Menschen geschaffen, die aus den Kriegsgebieten fliehen mussten, vertrieben von der Guerilla oder aus Angst vor den bewaffneten Kämpfen in Land, die seit Ausbruch der Bürgerkriegs mehr als 200.000 Todesopfer gefordert haben. Neben den Vertriebenen, den „Desplaçados“, vergibt der Staat die geförderten Wohnungen auch an frühere Kämpfer in Guerilla- oder paramilitärischen Einheiten, die ihre Waffen niedergelegt haben. „Die Verursacher des Leids leben hier Tür an Tür mit den Opfern“, berichtet Padre David. Die Vergangenheit sei allerdings nicht bewältigt; denn zumeist wisse der Nachbar von der Vergangenheit der neben ihm Wohnenden. Und die Angehörigen der früheren paramilitärischen Einheiten bildeten heute die Kerngruppen der kriminellen Banden, die immer stärker Kolumbien terrorisieren. „Jeder muss hier an die Banden ein Schutzgeld zahlen, das wir hier vacuna, also Impfung nennen“, weiß Padre David. Wer nicht zahlt, setzt sich der Todesgefahr aus: „Am letzten Wochenende gab es in Bosa fünf Tote, alle im Zusammenhang mit Schutzgeldzahlungen.“

Padre David Fernandez in Bosa, Kolumbien, mit Frauen aus der Gemeinde.

Padre David Fernandez in Bosa, Kolumbien, mit Frauen aus der Gemeinde.

Wer redet, setzt sich der Gefahr aus. Daher schweigen die meisten lieber. „Natürlich gibt es Leute, die wissen, wer da am Wochenende die fünf Morde begangen hat“, meint Padre David. „Aber da wird niemand zur Polizei gehen.“ Da reden die Menschen schon eher mit dem Pfarrer, zumal der kein Kolumbianer ist. Padre David stammt aus dem spanischen León und kam als Angehöriger der Mariannhiller Missionare vor 12 Jahren nach Kolumbien. Nach zehn Jahren an der Grenze zu Venezuela kam er vor zwei Jahren nach Bosa. Gemeinsam mit einem Mitbruder aus Zimbabwe bewohnt er eines der engen Reihenhäuser, mitten zwischen Vertriebenen, entwaffneten Paramilitärs und Menschen, die vor der Gewalt am liebsten die Augen verschließen würden, ihr aber auch in Bosa nicht entkommen können. Viel Platz haben die Missionare nicht, zumal im Sommer ein weiterer Mitbruder und ein Postulant in das „Kloster“ kommen werden, wie die Patres ihre rund 50 Quadratmeter scherzend nennen.

Nicht viel Platz: Im Haus der Mariannhill-Missionare in Bosa, Kolumbien. Padre David Fernandez (links) erklärt Bischof Franz Josef Overbeck, Prälat Bernd Klaschka und Adveniat-Kolumbien-Referentin Monika Lauer Perez die Baupläne für das geplante Sozialzentrum

Nicht viel Platz: Im Haus der Mariannhill-Missionare in Bosa, Kolumbien. Padre David Fernandez (links) erklärt Bischof Franz Josef Overbeck, Prälat Bernd Klaschka und Adveniat-Kolumbien-Referentin Monika Lauer Perez die Baupläne für das geplante Sozialzentrum

 

 

Die hohe Zahl der Zugezogenen führt zu Problemen, weil die Infrastruktur nicht so schnell gebaut wird wie die kleinen, überall gleichen Wohnungen. Die einzige Schule wird schon in drei Schichten betrieben: Die Schüler kommen von 6-11, von 12-17 und von 18-22 Uhr, um den Raum optimal zu nutzen. Es gibt nur einen einzigen kleinen Kindergarten, das weiterführende Kolleg ist noch im Rohbau, die medizinische Versorgung ist überhaupt nicht ausreichend.

Viel Platz gibt es auch in der Pfarrkirche nicht, die noch im gewachsenen Teil von Bosa steht, dort, wo die Menschen ihre Häuser noch selbst errichtet haben – die meisten ohne korrekte Papiere über den Grund, auf dem ihr Haus steht. „Die Kirche ist viel zu klein“, stöhnt Alina Dias, Mitglied des Gemeinderates. „Wäre sie doppelt so groß, würden doppelt so viele Menschen zum Gottesdienst kommen.“

In den Startlöchern stehen Gemeinde und Patres für das Projekt eines Sozialzentrums, das neben Begegnungs- und Bildungsräumen insbesondere für die Binnenflüchtlinge auch Platz für die Arbeit mit Senioren schaffen soll, um die sich sonst niemand hier sorge. Unterstützt wird das Projekt auch von Adveniat. Das Gelände ist gekauft, es fehlt die Baugenehmigung. Diese zu erhalten, dauere länger, als eine ganze Siedlung zu errichten, stöhnt Padre David. „Dabei ist ein Ort der Begegnung, an dem wir auch Friedensarbeit leisten können, dringend notwendig.“