Brasilien: Beeindruckend und beängstigend

Schauspielerin Eva Habermann, die zu den 11 Freunden der Aktion „Steilpass“ gehört, ist mit der „Steilpass“-Delegation nach Brasilien gereist. Nach zwei Tagen in Rio de Janeiro hat sie ihre Eindrücke aufgeschrieben:

Schon jetzt liegen bei mir die Nerven blank. In Rio deutet nichts darauf hin, dass hier eine WM stattfinden wird. Ich sehe keine Flaggen, keine Girlanden, keine Vorfreude in den Gesichtern der Menschen. Ich hatte so etwas schon erwartet, aber ich hätte nie gedacht, dass es so schlimm sein wird. Ich freue mich auf die WM, so ist das nicht, aber Brasilien ist ein Land, das die Voraussetzungen für eine großangelegte Fußball-WM eigentlich nicht erfüllen kann.

Dass in Brasilien die Verhältnisse zwischen Arm und Reich nicht stimmen und dass jeder Zweite der sonst so fußballbegeisterten Brasilianer sich öffentlich gegen die WM ausspricht, ist kein Wunder. Öffentliche Gelder sind in den Bau von Stadien geflossen. Gelder, die dringend woanders benötigt werden: im Gesundheitssystem, in der Bildung, im Kampf gegen Gewalt und Verwahrlosung der Jugend. Menschen, die seit 40 Jahren in den Armenvierteln lebten, wurden vertrieben, ohne Entschädigung, damit Zubringerstraßen oder Parkplätze gebaut werden konnten. Das ist für mich erschreckend und traurig.

Schauspielerin Eva Habermann hilft bei der Essensausgabe im Straßenkinderprojekt Avicres in Noca Iguaçu bei Rio Janeiro.

Schauspielerin Eva Habermann hilft bei der Essensausgabe im Straßenkinderprojekt Avicres in Noca Iguaçu bei Rio Janeiro.

Fröhliche Gesichter beim Besuch im Straßenkinderprojekt.

Fröhliche Gesichter beim Besuch im Straßenkinderprojekt.

Alles in Rosa: Mädchenzimmer mit Plüschtieren im Kinderheim in Nova Iguaçu.

Alles in Rosa: Mädchenzimmer mit Plüschtieren im Kinderheim in Nova Iguaçu.

Auf meiner Reise durch Brasilien mit der Aktion „Steilpass“ habe ich tolle Projekte besucht, die von Adveniat unterstützt werden. Und in den Projekten habe ich endlich das gefunden, was ich suchte – Hilfe für die, die am Rande der Gesellschaft stehen: Ein Tagesheim für Kinder, die mir neugierige Löcher in den Bauch fragten; ein Waisenhaus für Mädchen, die nicht mehr in ihre Familien zurückkehren können, da die Eltern sie verkaufen oder misshandeln. Diese Mädchen strahlen aber dank der liebevollen Fürsorge eine unglaubliche Lebensfreude aus, nahmen mich an die Hand und zeigten mir stolz ihre rosa gestrichenen Zimmer mit Justin Bieber an der Wand.

Und nicht zuletzt eine Klink für Drogensüchtige. Die meisten der Menschen sind Crack-abhängig, eine Droge, die günstig und leicht zu bekommen ist – und die für genau fünf Minuten ein euphorisches Gefühl verbreitet und den tristen Alltag vergessen lässt.
Diese Projekte und besonders die Begegnungen mit den Menschen haben mich zutiefst beeindruckt. Aber ich weiß, dass es noch viel zu tun gibt.

Text: Eva Habermann
Fotos: Martin Steffen

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Eine Delegation aus den Teilnehmern des Aktionsbündnisses der WM-Aktion “Steilpass. 11 Freunde für Fairness und Gerechtigkeit” reist nach Rio de Janeiro und Brasília Gespräche mit den brasilianischen Partnern des Bündnisses vor Ort zu führen und Hilfsprojekte zu besuchen. Eine der 10 Forderungen der Aktion lautet „Jugend fördern und vor Gewalt schützen“.