Brasilien: Christentum handfest

Als touristischer Hotspot ist Rio de Janeiro unschlagbar. Das weiß auch, wer zum ersten Mal in die Stadt kommt – und gar nicht in erster Linie auf Sightseeing aus ist, sondern auf Informationen über den bevorstehenden Weltjugendtag im Juli und über soziale Projekte, die Adveniat in Rio unterstützt. Denn wenn die Antwort auf die Frage „Wo geht’s denn hin?“ lautet, „nach Rio“, werden die Augen regelmäßig groß, der Blick sehnsüchtig und der Tonfall neidisch bis spöttisch: „Ach ja, und so was heißt dann Dienstreise…!“
Aber ist es einem zu verdenken, dass man am Strand von Copacabana flaniert, unter der Statue des Cristo Redentor, des Wahrzeichen von Rio auf dem 700 Meter hohen Hügel Corcovado, steht, auf den Zuckerhut gegenüber schaut und dann einfach nur noch „Wow“ sagt?

Auf den Spuren der Armut in den Favelas

Freilich ist Hoch und Runter, das Auf und Ab im Weichbild der Stadt auch ein Sinnbild für die zwiespältigen Erfahrungen in und mit der Stadt: Demonstrative Lebenslust kontrastiert mit Armut, Elend und sozialer Verdrängung gewaltigen Ausmaßes, vor allem in den Favelas, die sich in die Hügel der Stadt gekrallt und hoch gehangelt haben.
Von Adveniat-Länderreferent Klemens Paffhausen und den lokalen Partnern hören wir – Journalisten von Zeitungen, Radiosendern, Nachrichtenagenturen und Internet-Portalen – wie die katholische Kirche zu helfen versucht, sehr praktisch, sehr konkret orientiert an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort. Christentum handfest.

Manchmal sogar erheiternd handfest: Auf dem Weg zur Pfarrkirche Santa Teresa im gleichnamigen alten Stadtteil mit Häusern im Stilmix der kolonialen Epoche muss der Bus unserer Gruppe Steigungen und Gefälle von 25 Prozent und mehr überwinden. Das Ganze erinnert bisweilen mehr an eine Achterbahn-Tour im Fantasialand oder im Europapark als die Fahrt quer durch eine Metropole. Der Motor ächzt, der Hänger mit dem Gepäck schaukelt und hüpft, genau wie der eine oder andere Magen. Doch Busfahrer Ari entledigt sich des Jobs mit stoischer Ruhe. Das Einparken vor der Kirche wird auf einer Straße, die auch nichts für Leute mit Höhenangst ist, zur Millimeter-Arbeit. Doch Ari meistert auch diese Aufgabe. Nur: Wie soll er jetzt den Hänger sichern?

"Im Kreuz ist Hoffnung, im Kreuz ist Halt."

Bloß gut, dass die ocker getünchten Pfarrkirche einem kühnen, schwer definierbaren Mischmasch aus romanischen, gotischen und klassizistischen Versatzstücken, gerade restauriert wird. Da fällt eine Menge Bauschutt an. Als Hemmschuh für den Hänger schleppt einer der Arbeiter ein merkwürdig geformtes Stück Beton an: die Kreuzblume einer Kirchturm-Fiale. Einmal ruckeln, einmal drücken, einmal pressen – sitzt.
„Im Kreuz ist Hoffnung, im Kreuz ist Halt.“ Selten war dieses österliche Motiv so griffig.

Text: Joachim Frank
Fotos: Bastian Henning