Brasilien: Der brasilianische Traum

David gegen Goliath, bei dieser biblischen Geschichte sind die Rollen klar aufgeteilt. Heutzutage könnte die Saga aus dem Alten Testament im brasilianischen Amazonas spielen. Denn hier, im Universum grüner Regenwälder und brauner Wassermassen, ist der Kampf zwischen Giganten und Zwergen im vollen Gang. Kleinbauern werden von Sojabaronen verdrängt, Indigene müssen ihre Reservate gegen Goldgräber verteidigen, und regionale Radiosender trotzen der medialen Allmacht von Fernsehsendern wie „Globo“ und „Bandeirante“.

Pater Edilberto Sena vor dem Gebäude von Radio Rural.

Pater Edilberto Sena ist der kleine David im riesigen brasilianischen Amazonas. Der Präsident des Radionetzwerkes „Rede Nacional da Amazonia“ versprüht Begeisterung, aus seinen Augen strahlt die Lust am Widerstand. „Wir wollen Globo bekämpfen, das ist unsere Mission“, erklärt er. Beim Wort „Mission“ erscheint vor seinem geistigen Auge die gesamte Palette ökologischer Katastrophenszenarien: Riesige Gold- und Eisenerzminen, die gespenstische Kraterlandschaften im Regenwald zurücklassen, gefällte Urwaldriesen, die den Amazonas hinabtreiben und zu Möbeln verarbeitet werden, und Rinderherden, die auf den gerodeten Flächen zwischen verkokelten Baumstümpfen weiden.

Edilberto Sena ist fest davon überzeugt, dass Brasiliens Regenwald ohne Agroindustrie und Großprojekte eine Zukunft hat. Er träumt von einem Amazonas ohne Ausbeutung, von Indigenen, die ihre Sprachen nicht verlernen, und Flussanwohnern, die nicht in die Elendsviertel der Städte abwandern. Nicht nur die zahlreichen Besucher aus dem Ausland, auch viele seiner Landsleute, die den Gegensatz zwischen Wirtschaftswachstum und Naturschutz überwinden wollen, träumen mit ihm.

An potentiellen Hörern mangelt es im brasilianischen Amazonas nicht. Schließlich wohnen in der Region 26 Millionen Menschen. Doch Pater Edilberto Sena kämpft nicht nur um Hörer, er kämpft um Inhalte. „Wir wollen gute Nachrichten aus dem Amazonas bringen“, lautet seine Devise. Einseitige Reportagen über agroindustrielle Großprojekte gehören nicht dazu, genauso wenig wie Verlautbarungen über die politischen Aktivitäten von Abgeordneten aus dem brasilianischen Bundesstaat Pará, denen der Geistliche skeptisch gegenübersteht. Anzeigen von Bergbaukonzernen wie „Rio de Vale Doce“, die Bodenschätze abbauen, sind ebenfalls nicht gestattet.

Das katholische Hilfswerk Adveniat unterstützt Pater Edilberto Sena bei seinem Kampf gegen Goliath. Ein Plakat im Newsroom des Senders illustriert die enge Verbindung zwischen Santarém und Essen. Daneben hängen die allgemeine Menschenrechtserklärung und ein Kreuz. Sogar die Deutsche Welle pflegt einen langjährigen Austausch mit den brasilianischen Kollegen. Der Auslandssender finanziert Fortbildungen in den Bereichen Umweltjournalismus und Recherche. In diesem Jahr ist Marketing dran.

Blick in den Regieraum des Senders.

Vor genau zehn Jahren wurde der katholische Radiosender von einem amerikanischen Bischof gegründet. Mittlerweile versorgt die „Rede Nacional da Amazonia“ 13 Stationen im Amazonas mit Nachrichten aus der Region. Das Programm, das über die Mittelwelle ausgestrahlt wird, soll demnächst auch Radiostationen in Peru und Bolivien versorgen.

Doch der amerikanische Traum von einem christlich-ökologischen Radio stößt in der brasilianischen Wirklichkeit immer wieder an seine Grenzen. Schulden beeinträchtigen die Verkündung guter Nachrichten und statt Inhalten muss sich Pater Sena immer öfter mit Finanzen auseinandersetzen. Das Geld aus Werbeeinnahmen, die Zuschüsse aus der Diözese Santarém und auch die Spenden aus dem In- und Ausland reichen nicht aus, um den Schuldenberg, der über Jahre hinweg kontinuierlich gewachsen ist, abzubauen.

Doch Sena will nicht aufgeben. Doch er führt keinen sinnlosen Kampf gegen Brasiliens Medienimperium „Globo“. Er will Goliath nicht besiegen, sondern lediglich überlisten. Warum sollte er nicht eine Nische für kritische und wertorientierte Berichterstattung finden? Erreicht die christliche Botschaft über die Mittelwelle nicht viel mehr Menschen als die Verkündigung im Gottesdienst? Andere Sender haben diese Fragen bereits eindeutig mit Ja beantwortet. „Die Evangelikalen kaufen ein Radio nach dem anderen, die Katholiken machen eine Station nach der anderen zu“, stichelt Edilberto Sena. Der 65-jährige Gottesmann weiß, dass ihm das nächste Experiment bevorsteht: Er muss nun seinen Traum von einer anderen Welt mitten im Dschungel des Kapitalismus verwirklichen.

Text: Astrid Prange
Fotos: Bastian Henning