Brasilien: Die Freiheit zu Verschmutzen

Ein seltsames Heer starrer Figuren durchzieht den Flamengo-Park von Rio de Janeiro mit dem Postkartenzuckerhut im Hintergrund. Der dänische Skulpteur Jens Galschiot hat seine Werke inklusive einer blauen Freiheitsstatue Marke New York aus Europa hierher zum „People’s Summit“ gebracht, dem Gegengipfel zur „Rio+20“ Konferenz im fernen Riocenter, am anderen Ende der Stadt. Die Message verbreitet er auf Flugblättern: „Freedom to Pollute – die Freiheit zu Verschmutzen“.

„Eigentlich sollte aus der Fackel der Freiheitsstatue noch zusätzlich Rauch aufsteigen, qualmen sollte sie wie ein Stornstein“, erklärt sein Sohn Lasse Markus. „Aber die Nebelmaschine ist kaputtgegangen und dieser Special Effect musste leider ausfallen.“ Aber auch so erregt man bereits viel Aufmerksamkeit. „Wir haben hier zwei Anliegen. Zum einen wollen wir an die COP 15 Klimakonferenz in Kopenhagen erinnern“, erklärt Sohn Lasse. Damals standen die Figuren seines Künstlervaters rund um die Tagungsgebäude.

In den drei Jahren seit der Konferenz von Kopenhagen habe sich nichts getan beim Klimaschutz, außer dass es rückwärts statt vorwärts gegangen sei, meint Lasse. „Wir waren im Riocenter und haben uns das dort mal angeschaut. Da gibt es gar keinen Spirit, man spürt keinen Willen zum wirklichen Handeln, und sogar die bereits beim Erdgipfel 1992 beschlossenen Ziele kommen jetzt unters Messer.“

Im Riocenter werden von Mittwoch bis Freitag über 100 Staats- und Regierungschefs über ein neues Grundsatzpapier zur nachhaltigen Entwicklung verhandeln. Nicht gut soll es um die Verhandlungen stehen, hört man. Die „Rio+20“ könnte eine riesige Zeit- und Resourcenverschwendung werden, warnt so mancher Teilnehmer.

Lasses erklärt derweil auf dem Sonnen überfluteten Rasen des Flamengo-Parks sitzend sein zweites Anliegen: das grundsätzliche Hinterfragen des modernen westlichen Konsumverständnisses. „Die Freiheit zum Verschmutzen – da geht es um unser westliches Denken. Jedes Mal wenn wir über Nachhaltigkeit reden, meinen wir eigentlich, dass wir Umwelt verträglichere Autos bauen wollen. Dabei sollten wir uns doch fragen, ob wir überhaupt ein Auto kaufen sollten.“

Einen Vertreter von BMW habe er im Riocenter getroffen, der ein neues, Zukunft weisendes Elektroauto vorstellte. „Ich hab ihn dann mal gefragt ob er meint, dass die Rohstoffe aus China und Afrika, die in dem E-Auto drin stecken, auf nachhaltige Weise gefördert wurden. Da konnte er mir dann keine Antwort drauf geben …“ Lasse lächelt.

Viel mehr Figuren wollten er und sein Vater vor der traumhaften Kulisse der Guanabara-Bucht mit den dahinter aufragenden Tafelbergen des Küstengebirges aufstellen. Aber der Transport rund um die halbe Welt sei letztlich zu teuer gewesen. Deshalb habe man kurzerhand den Großteil der Figuren einfach auf der Insel Bornholm platziert. Schön ist es da ja auch.

Text und Foto: Thomas Milz