Brasilien: Eine Metropole voller Dörfer

Im “Dorf” treffen sich die Frauen zum Gebetskreis.

Im “Dorf” treffen sich die Frauen zum Gebetskreis.

„Ave Maria, cheia de graça…“ klingt es monoton durch die ganze Straße. Celeste hat ihre Freundinnen vom Gebetskreis zu Besuch. So wie jeden Montag um 19 Uhr. Sie ist Rentnerin und wohnt in einem kleinen Haus, zusammen mit ihrer Tante, die sie pflegt. Richtig unterhalten kann sie sich mit ihr nicht mehr und deswegen freut sie sich über die Gesellschaft. Mitten im zweiten Rosenkranz-Gesätz öffnet sich langsam die Tür und eine Frau tritt ins Wohnzimmer. „Entschuldigt bitte, ich habe es nicht früher geschafft“, sagt sie leise und setzt sich schnell auf einen freien Platz. „Das ist meine Nachbarin Rosalia“, erklärt Celeste. „Ich habe sie heute eingeladen.“

Celeste und ihre Tante.

Celeste und ihre Tante.

Celeste, ihre Tante und Rosalia leben in einer „vila“, einem Dorf mitten in Rio de Janeiro. Das „Dorf“ ist eine schmale Straße zwischen zwei Hochhäusern, in der Einfamilienhäuser aufgereiht Wand an Wand stehen und die mit einem Eisentor verschlossen ist. Rein kommt nur, wer hier wohnt oder einen Bewohner besucht. Kein Verkehrschaos vor dem Fenster, kein Müll neben der Haustür, keine lästige Parkplatzsuche. Viele „cariocas“, wie die Einwohner von Rio genannt werden, schätzen diese Art zu wohnen. Man kennt sich, man respektiert sich, man hilft sich.

„Der ‚carioca‘ liebt es zu reden. Viele hier kommen ursprünglich gar nicht aus der Stadt, sondern einer ländlicheren Region, wo es normal ist, den Arbeitstag gemütlich vor dem Haus bei einem netten Pläuschchen mit den Nachbarn ausklingen zu lassen“, erzählt Celeste. „Das ist hier eigentlich unmöglich.“

In den "vilas" in Rio ist man unter sich.

In den „vilas“ in Rio ist man unter sich.

Nach dem Gebet lässt Rosalia noch kurz ihren Hund raus. Sie öffnet einfach die Tür und die kleine Hündin rennt die Straße hinunter bis zum Tor. Rosalia gesellt sich zu ihren beiden Nachbarn von gegenüber. Renzo und Wilson sitzen jeweils auf der Treppenstufe vor ihren Haustüren und während die neusten Nachrichten ausgetauscht werden, wandert die Packung mit Kokos-Plätzchen vom einen zum anderen. Für den Fotografen und den Kunstlehrer gehört so ein Kaffee am frühen Abend einfach dazu. Am liebsten draußen und in Gesellschaft.

Celeste, die ihre Freundinnen verabschiedet hat, schaut vom Fenster aus Rosalias Hündin hinterher. Die Rentnerin genießt das stille Treiben am Abend, denn tagsüber, wenn alle arbeiten sind und in der Schule, ist die Straße wie ausgestorben. Nur sie ist dann dort und wartet auf den Plausch am Nachmittag.

Text und Fotos: Christina Weise

Christina Weise ist Volontärin in der Redaktion Blickpunkt Lateinamerika bei Adveniat. In Brasilien macht sie im Rahmen ihrer Redakteursausbildung durch das ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses) ein Praktikum beim ZDF.