Brasilien: Fußball und Favela – Willkommen in Rio!

Mein Nebenmann im Flugzeug ist neidisch. Im Landeanflug nach Lissabon regnet es, doch er wird aussteigen und seiner Arbeit bei einer Bank nachgehen. Gerne würde er wie ich weiterfliegen nach Rio des Janeiro, in die „Cidade Maravilhosa“, die wunderbare Stadt, wie sie auf Portugiesisch genannt wird. Und das stimme, schwärmt er von Copacabana und: Favela. Ob ich wisse, was eine Favela sei, will er wissen. Er rät nicht etwa ab, mich von den Armenvierteln fern zu halten, sich nur in den Teilen der Mega-City zu bewegen, die als sicher gelten. In Tagen wie diesen, in denen Soldaten der Armee Elendsviertel befrieden, von Drogenbossen befreien, damit beim Sportevent des Jahres, der Fußball-Weltmeisterschaft, Fans aus aller Herrenländer sicher sind. Nein, ich soll eine Tour durch eine Favela machen, rät mit der junge Mann im schicken Anzug. „Die meisten Menschen, die dort leben, sind keine Verbrecher. Es sind einfache, arme Leute, die ganz normal sind – wie du und ich“, sagt er und nippt an seinem Bier im Plastikbecher.

Der zwölfjährige Michael kennt die Favela genau.

Der zwölfjährige Michael kennt die Favela genau.

Wenige Stunden später bin ich mittendrin in der Favela „Moro dos Prazeres“, was übersetzt so viel wie „Berg des Wohlgefallens“ heißt. Es ist heiß und ohne die Hilfe des 12 Jahre alten Michael, der sicher durch das Labyrinth aus Gassen, Treppen und Pfaden leitet, wäre ich gewiss schnell verloren. Das Erste, was mir auffällt in der Favela, die sich den Hügel hinauf drängt, dicht an dicht ein Haus neben oder über dem anderen, ist der Ausblick. Die Christusstatue und der Zuckerhut, zwei Sehnsuchtssymbole, sind zum Greifen nah. Die Armen schauen dorthin, wovon (nicht nur) Touristen träumen. Die meisten Häuser haben einen kleinen Wassertank auf dem Dach und um die Mittagszeit dringt aus einem Haus der Geruch von gedünstetem Knoblauch und macht Appetit. Gleich um die Ecke steigt der Duft von frisch gewaschener Wäsche in die Nase. Überhaupt wirkt diese Favela aufgeräumt und sauber. Zugegeben: Das hätte ich nicht erwartet. Ich fühle mich keinen Moment unsicher im Elendsviertel, in dem der Fußball zum Leben der Kinder gehört wie das Amen in die Kirche.

Dessen ist sich Senhora Rosa Alice Picano sicher. Die 79-Jährige leitet eine Nachhilfeschule, will den Kindern der Benachteiligten in dieser Gegend eine Chance geben, damit sie eine Perspektive haben, aus dem Elend ausbrechen können. Nur manchmal gelingt es, aber es lohnt sich, für jedes einzelne Kind zu kämpfen. Das sagt ihr entschlossener Blick und das Strahlen in ihren braunen Augen. Die zierliche Frau ist hier noch lange nicht fertig. Sie will den Leuten helfen, die ihr ans Herz gewachsen sind – sie sind wie eine große Familie für Rosa Alice. Sie weiß: Es sind Menschen wie du und ich.

 Text: Lena Fleischer
 Fotos: Carolin Kronenburg

_____________________________________________

Im Rahmen der WM-Aktion „Steilpass. 11 Freunde für Fairness und Gerechtigkeit“ reisen die Adveniat-Mitarbeiter Carolin Kronenburg und Klemens Paffhausen mit neun Journalisten durch Brasilien. In Rio de Janeiro, São Paulo, Recife und Fortaleza blicken sie auf die Probleme des Landes, sehen aber auch Hilfsprojekte und das Engagement vor Ort.