Brasilien: Highnoon um Mitternacht

Das Mediencenter Rio+20

Wildes Rumgerenne, brodelnde Gerüchteküche, inoffizielle Pressebriefings, künstlich aufgebauter Zeitdruck – die Verhandlungen rund um den Abschlusstext der UN-Nachhaltigkeitskonferenz „Rio+20“ waren zäh und spannend zugleich. Nachdem die offiziellen Vorverhandlungen der UN am Freitagabend abgelaufen waren, ohne dass sich die 193 Länderdelegationen auf einen Abschlusstext verständigen konnten, übernahmen Brasiliens Diplomaten das Verhandlungsruder. Sie sollen besonders geschickte Verhandler sein, hört man stets bei solchen Veranstaltungen.

Wieso muss ein Abschlusstext eigentlich bereits vor Beginn einer solchen Veranstaltung fertig sein, fragt man sich als erstes einmal. Zu kompliziert sei es, mit den über 100 nach Rio de Janeiro anreisenden Staats-und Regierungschefs zu verhandeln, wird einem dann stets erklärt. Und eine Blöße will sich sowieso keiner vor den hochrangigen Kollegen geben. Besser also, schon vor der Anreise der Staats- und Regierungschefs alles unter Dach und Fach zu bekommen.

Genau das war auch die Linie der brasilianischen Diplomatie. Am Samstag stellten sie einen von 200 auf 89 Seiten gekürzten Text vor, der aber aufgrund mangelnder verbindlicher Ziele und Zeitrahmen nicht besonders gut ankam. Besonders die Europäer wollten Verbindliches in den Text aufnehmen. Jetzt wurde es zäh. Nur wenige Journalisten begleiteten die Verhandlungen in Halle 3 des Kongresszentrums „Riocenter“, in dem die Meetingrooms sowie das Pressezentrum untergebracht sind. Alles nah beieinander, schließlich reicht es nicht, Politik zu machen. Grundlegend ist es, diese danach auch medial dem Wahlvolk zu vermitteln.

So verwundert es nicht, dass Politiker, Delegationsmitglieder und Repräsentanten der als Beobachter zugelassenen NGOs ständig um die heimischen Pressevertreter kreisen, die ja eventuell ein inoffizielles Hintergrundgespräch haben wollen oder sichbereitwillig eine Stellungnahme zum Verhandlungsstand anhören möchten. Was nutzt politische Arbeit, wenn es keiner mitbekommt? Am Montagnachmittag kam plötzlich Bewegung ins Mediencenter. Brasiliens Verhandlungsführer kündigte überraschend an, dass man einem Kompromiss über den Abschlusstext nahe sei. Noch in der Nacht würde Außenminister Patriota vor die Presse treten um zu erklären, wie man den Konsens hergestellt hat.

Was folgte, waren hektische Journalisten, die nicht wussten, was eigentlich passiert war. Sie interviewten eilig umherlaufende Delegationsmitglieder, die auch nichts Genaueres wussten. Noch hatte keiner von ihnen den Entwurf des Abschlusstextes gesehen, und unter diesen Umständen lehnten es die Europäer ab, zuzustimmen. Erpressen lassen wolle man sich nicht, so der Tenor. Was folgt ist langes Warten, erste Delegierte sinken auf den wenigen Sofas zusammen. Es gibt nichts mehr zu Essen oder zu Trinken, die Kantine in Halle 2 ist längst zu. Viele frieren, powert die Klimaanlage doch auf arktischen Temperaturen.

Brasiliens Außenminister Patriota (rechts) verkündet den Konsens.

Dienstagmorgen gegen 2.30 Uhr treten dann Brasiliens Außenminister Patriota und die Umweltministerin Teixeira vor die übermüdete Presse. Oder besser, den Teil der Presse, der noch nicht in die Hotels zurückgefahren ist. Man werde abbrechen und erst ab 7 Uhr weitermachen. Manche gehen schlafen, andere beschließen durchzumachen. Die armen Agenturjournalisten müssen sowieso schnell noch einen Text aufsetzen, um die aktuelle Entwicklung in die Heimat zu senden. Sie leiden besonders, als wenige Stunden später der Konsens bekanntgegeben wird. Jetzt müssen sie noch mal Stunden lang über das Ergebnis berichten, und das nach einer durchgemachten Nacht.

Alle Delegationen hätten zugestimmt, der Gipfel sei gerettet, berichtet Patriota zufrieden. Zufrieden sind aber nur wenige, viele wollten mehr. Andere betonen, dass es schon positiv sei, dass man sich überhaupt auf ein gemeinsames Papier habe einigen können. Wichtig sei schließlich, dass der über Jahre und Jahrzehnte mühsam ans Laufen gekommene Prozess nicht gefährdet wird. Besonders die Umweltschutz-NGOs hätten sich jedoch viel mehr gewünscht. Aber sie müssen ja auch nicht mit 193 Delegationen erst ihre Position abstimmen, denkt man sich dabei. Zudem ist es ja sowieso Tradition, die auf solchen Gipfeln gemachten Versprechen und Verpflichtungen erst gar nicht umzusetzen. Letztlich, so fragt man sich, bringt ein solcher Gipfel recht wenig an konkreten Fortschritten für den leidenden Planeten Erde. Oder?

Text und Fotos: Thomas Milz, Brasilien-Korrespondent