Brasilien: Im Schatten der WM

Christina Weise, Ana Gabriela und Maryana.

Christina Weise, Ana Gabriela und Maryana.

„Ich werd‘ mir die WM-Spiele nicht angucken“, sagt die 15-jährige Mayara. „Ich bin lieber auf der Straße, als das ich fernsehgucke.“ Was sie auf der Straße macht? „Nichts Besonderes. Nur abhängen,“ sagt sie. „Aber das ist besser als Fußball zu gucken. Das ist langweilig.“ Früher hat sie sogar selbst gespielt, aber jetzt den Spaß daran verloren. Ihre jüngere Schwester Ana Gabriela ist da ganz anderer Meinung. Sie möchte am liebsten jedes WM-Spiel sehen und freut sich besonders auf die Spiele von Brasilien. In ihrem Neymar-Shirt der brasilianischen Nationalmannschaft ist sie dafür schon richtig gekleidet. „Ich liebe Fußball und spiele selber auch“, erzählt sie. Als Tiago sagt, er glaube, das Deutschland die WM gewinnen wird, beginnt eine heiße Diskussion.

Tiago (9) ist großer Fuballfan.

Tiago (9) ist großer Fuballfan.

Mayara, Ana Gabriela und Tiago leben in Nova Iguaçu, einer Stadt in der Baixada Fluminense, einer dicht besiedelten Region, die an die Metropole Rio de Janeiro grenzt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts landeten viele Einwanderer aus anderen Landesteilen Brasiliens dort, in der Hoffnung auf Wohlstand in Rio. Das führte zu einer Bevölkerungsexplosion. Bis heute ist die Region berüchtigt für eine hohe Kriminalitätsrate, Armut, mangelhafte Infrastruktur und soziale Probleme. Zurzeit leidet die Region besonders unter der Befriedung der Favelas in Rio de Janeiro. Viele der Kriminellen, die aus den Armenvierteln der Metropole vor der Polizei flohen, ließen sich in Nova Iguaçu und den umliegenden Städten nieder. „Gleichzeitig gibt es weniger Polizisten. Denn um eine erhöhte Polizeipräsenz in Rio während der WM zu gewährleisten, wurden zwei Tausend Polizisten von hier nach Rio abgezogen“, erzählt Martiliana. Auch sie lebt in Nova Iguaçu. Zusammen mit dem deutschen Religionspädagogen Johannes Niggemeier leitet sie das Projekt AVICRES. Die portugiesische Abkürzung heißt „Gemeinschaft für das Leben, damit es wachse in Solidarität“.

Zum Mittagessen gibt es immer Reis mit Bohnen und Salat. Dazu noch eine weitere Beilage, heute: Schweinefleisch in Sahnesoße.

Zum Mittagessen gibt es immer Reis mit Bohnen und Salat. Dazu noch eine weitere Beilage, heute: Schweinefleisch in Sahnesoße.

AVICRES hat mehrere Häuser in der Region, unter anderem ein Waisenhaus, eine Gesundheitsstation, Kindertagesstätten und Tagesheime für Kinder und Jugendliche. In ein solches Heim kommen Mayara, Ana Gabriela und Tiago regelmäßig. Nach der Schule bekommen sie dort Mittagessen und können an verschiedenen Aktivitäten teilnehmen. „Ich habe hier Schwimmen, Informatik und basteln belegt“, sagt Mayara. Das Schwimmen gefällt ihr am besten. Erst abends kommt sie nach Hause. Das ist nicht schlimm für sie, sondern gefällt ihr gerade gut. „Väterlicherseits habe ich sieben Geschwister und mütterlicherseits drei. Von der Seite ist auch Ana Gabriela“, erzählt Mayara und lächelt ihre jüngere Schwester an. „Wir kommen immer zusammen hier hin.“ Ana Gabriela hat ähnlich viele Geschwister, aufgeteilt auf beide Elternteile.

Und obwohl Mayara gerne auf der Straße „abhängt“, kommt sie regelmäßig in das AVICRES-Projekt. Hier trifft sie ihre Freunde, bekommt warme Mahlzeiten und ist vor allem sicher. Denn besonders die Kinder leiden unter der Kriminalität und Gewalt in Nova Iguaçu. „Hier können wir die Kinder davor schützen und ihnen gleichzeitig mit den Kursen eine Chance auf ein besseres Leben geben“, sagt Martiliana.

Text: Christina Weise
Fotos: Martin Steffen

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Eine Delegation aus den Teilnehmern des Aktionsbündnisses der WM-Aktion “Steilpass. 11 Freunde für Fairness und Gerechtigkeit” reist nach Rio de Janeiro und Brasília um die Aktion vorzustellen und sich ein Bild von der Situation vor Ort zu machen. Eine der 10 Forderungen der Aktion lautet „Jugend fördern und vor Gewalt schützen“.