Brasilien: In medias res

Ganz sanft setzen die Räder des Flugzeugs auf dem Rollfeld auf. Die Uhr zeigt 04:50 Uhr an – eigentlich noch viel zu früh zum Aufstehen. Doch was soll’s, nach 12 Stunden Flug quer über den Atlantik kann man sich auch schon einmal die Beine vertreten. Am Flughafen von Rio de Janeiro erwartet uns schon Klemens Paffhausen, Brasilien-Referent bei Adveniat, unser Übersetzer und Reiseleiter. An seiner Seite: Roberto José dos Santos. Er ist Koordinator der Kommission für religiöse Betreuung von jugendlichen Straftätern der Erzdiözese Rio. Denn unsere ersten beiden Stationen sind zwei Jugendgefängnisse auf der „Ilha do Governador“, derselben Insel, auf der der Flughafen liegt – ein krasser Einstieg, wenn man bedenkt, dass der gemütliche Alltag zuhause in Deutschland nicht einmal 24 Stunden entfernt ist.

Die Mauern des Jugendgefängnisses

Hohe, mit Stacheldraht besetzte Mauern empfangen uns, als wir am „Centro de Socioeducação Dom Bosco“ ankommen – ein Untersuchungsgefängnis für diejenigen Straftäter, die unter 18 und somit noch nicht strafmündig sind. Scharfer Chlorgeruch steigt uns in die Nase als wir den Eingang des Centro betreten. Es folgen ein Rundgang über das Gelände, ein Blick in die Zellen, Gespräche mit den Häftlingen. Wahnsinn, auf welch engem Raum die Jugendlichen leben müssen – drei bis vier Personen auf sechzehn Quadratmetern ist keine Seltenheit.

Katechese im Jugendgefängnis

Ein Großteil der Jugendlichen, die hier einsitzen, stammt aus extrem armen Verhältnissen, erklärt uns Roberto. Aus Mangel an Perspektiven rutschen sie schon früh in die kriminelle Szene ab, verdienen ihr Geld mit Drogenhandel und Taschendiebstahl – bis sie geschnappt werden und in Untersuchungshaft landen. „Wir setzen auf Resozialisierung“, betont Roberto. Es sei wichtig, dass die Jugendlichen später, wenn sie aus der Untersuchungshaft entlassen würden, ihren Platz in der Gesellschaft finden. Durch Einzelgespräche und Katechese versuchen Roberto und sein Team, die Jugendlichen wieder auf den rechten Weg zu bringen.

Geschlaucht von den bedrückenden Bildern und Lebensgeschichten, die wir aus den Jugendgefängnissen mitnehmen, treffen wir nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel den Verantwortlichen für die Logistik beim Weltjugendtag, Padre Omar. Er ist überzeugt, mit geschätzt zwei Millionen erwarteten Teilnehmern wird das internationale Glaubensfest ein riesiger Erfolg.

Interview mit Padre Omar

Insbesondere die Tatsache, dass der neuer Papst Franziskus aus Lateinamerika stammt, könne dazu beitragen, dass sich sogar noch mehr Pilger auf den Weg nach Rio de Janeiro machen.Dass mit so vielen Teilnehmern gerechnet wird, ist unter anderem der Arbeit der zahlreichen Freiwilligen zu verdanken, die im Kommunikationsbüro des lokalen Organisationskomitees arbeiten. Hier treffen wir auf Dutzende Jugendliche, die eifrig vor ihren Computern sitzen und Artikel schreiben, Flyer entwerfen oder die Social Media Kanäle des WJT betreuen. Ich unterhalte mich mit Fabiola, einer jungen Journalistin, die aus Florianópolis im Süden Brasiliens stammt. Sie ist stolz darauf, Teil des Organisationskomitees zu sein und freut sich darauf, im Juli mit so vielen Jugendlichen aus verschiedensten Kulturen und Kontinenten den Weltjugendtag in ihrem Heimatland zu feiern. Fabiola strahlt eine Freude und einen Enthusiasmus aus, der schnell auf mich überspringt. Wenn alle brasilianischen Jugendlichen die Pilger mit solch offenen Armen empfangen, wird der WJT sicherlich ein großer Erfolg.

Text und Fotos: Lena Kretschmann

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Lena Kretschmann ist Redakteurin des Portals weltkirche.katholisch.de.
Alle ihre Beiträge und weitere Informationen sind im Blog des Portals zu finden.