Brasilien: Paradies ohne Perspektiven

Grrrr … – so wie der Piranha seine rasierklingenscharfen Zähne in die Kamera streckt, braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie sich die Beißerchen in einen Finger oder ein anderes Körperteil bohren. Da ist es gut, dass der Kleine zusammen mit ein paar Artgenossen und einer Handvoll größerer Fische schon seit gestern in der Eiskiste von Familie Laurimar liegt. Als eine von 91 Familien leben die Laurimars in Santa Rita, einer Siedlung direkt am Amazonas-Ufer, eine Tagesreise flussabwärts von Manáus.

Die Riberinhos leben in Haeusern am Amazonasufer auf Pfaehlen

Die Häuser in Santa Rita stehen auf Stelzen, so dass der Amazonas unter dem Fußboden hindurch fließen kann, wenn er jetzt im Frühjahr Hochwasser führt. Zwischen den Häusern haben die Familien Stege aufgebaut, um halbwegs trockenen Fußes zu ihren Nachbarn oder zum Bootsanleger zu kommen. Trotzdem gehört der Sprung ins knietiefe Wasser zur täglichen Routine – mindestens für die Kinder. Nein, die Piranhas seien kein Problem, sagt Marcia Laurimar, Mutter von Erik und Flavio. Und Antonino, der das gefangene Exemplar in die Kamera hält, versichert, dass man sich allenfalls beim Fischen schmerzhafte Schnitte zuzieht.

Größere Sorgen bereiten den Uferbewohnern da schon die Bisse einer gefährlichen Rochen-Art – oder auch die von Giftschlangen. Deshalb fordern sie, dass der 2009 vom Hochwasser fortgespülte Gesundheitsposten wieder eingerichtet wird. Doch die zuständige Verwaltung in der eine Bootsstunde entfernten Kleinstadt Óbidos stelle sich bislang stur, sagen die Bewohner. Zumindest eine Grundschule gehört zum Dorf. Sie ist aber im Moment – wie jedes Jahr um diese Zeit – wegen des Hochwassers geschlossen. „Wenn man eine Mutter ist und kleine Kinder hat, ist das Hochwasser nicht so schön“, sagt Marcia Laurimar auf der Terrasse ihres Hauses, von der ein Fischernetz die frei auf den Stegen herumlaufenden Hühner abhalten soll. Schließlich könnte eines der Kinder vom Holzsteg fallen und sich verletzen.

Der kleine Flavio im Schlafzimmer eines Hauses von Flussrandbewohnern mit Huhn

Andererseits lässt sich auf den überfluteten Flächen im Hinterland nun viel besser fischen als bei Niedrigwasser auf dem eigentlichen Amazonas. Bis zu drei Tage hält sich der Fisch in den zuvor in Óbidos mit Eis gefüllten Styropor-Kisten. Dann wird der Fang in der Stadt verkauft. „Wir leben hier im Einklang mit der Natur“, sagt Dinho, einer der beiden ehrenamtlichen Leiter der katholischen Kirchengemeinde. „Bei Hochwasser fischen wir, und bei Niedrigwasser bauen wir vor allem Gemüse an.“ Nach der Überflutung seien die Flächen besonders fruchtbar.

Die Riberinhos halten Tiere und bauen in kleinen Gaerten Nutzpflanzen an

Doch wie lange das Leben in Santa Rita noch so harmonisch weiterlaufen kann, ist offen. Einerseits fühlen sich die Einwohner von Staudamm- und anderen Megaprojekten der brasilianischen Regierung bedroht. Sie fürchten, dass Flussregulierungen das gewohnte Auf und Ab des Amazonas – und damit ihre Lebensgrundlage – aus dem Gleichgewicht bringen. Zudem beklagen sie, dass sie nicht selbst von diesen Projekten profitieren. „Mit Starkstrom-Leitungen wird der Strom von den Wasserkraftwerken zu den Industrieanlage gebracht“, beklagt der Pastor der evangelikalen Gemeinde „Assembleia de Deus“ – und hier brauche jedes Haus einen Dieselgenerator. Der wird morgens angeworfen und läuft, bis abends die Telenovela oder die Fußballspiel-Übertragung beendet ist. „Der Fortschritt fährt wie ein Schnellzug an uns vorbei“, sagt der Pastor. Da wundert es kaum, dass die Jugend nach Alternativen sucht. „Als Vater möchte ich natürlich, dass meine Töchter in meiner Nähe bleiben“, sagt Dinho über seine beiden 16 und 17 Jahre alten Kinder. „Aber es gibt hier keine guten Perspektiven für sie.“ Deshalb sei es in Ordnung, wenn die Töchter für ihre Ausbildung nach Santarém, Manaus oder noch weiter weg gingen.

Wer weiß, vielleicht kommen sie danach ja auch wieder zurück. Schließlich hat das Dorf am Amazonas-Ufer bei allen Problemen auch große Vorteile: „Es ist so schön ruhig hier“, sagt eine Frau. Und wenn man auf den sanft dahin fließenden Fluss inmitten des kräftigen Urwald-Grüns schaut, möchte man fast von Idylle sprechen.

Text: Thomas Rünker
Fotos: Bastian Henning