Brasilien: Raus aus dem Paradies!

DSC_3648Gleich kann zu Mittag gegessen werden, aber vorerst tuckert das rote Fischerboot gemächlich noch ein kleines Stück weiter in die Flussmündung. Stolz steht Lailson am Bug dieses kleinen Kahns, der ihn durch sein Revier fährt, denn er ist der Präsident der Colonia Z08 – so heißt das Fischereigebiet im Schatten des neuen Hafens von Suape.

DSC_3633Wer sich mit dem freundlichen 55-Jährigen aufmacht, dieses Stückchen Erde Brasiliens zu erkunden, dem offenbart sich schnell ein traumhaftes Terrain. Sandstrände wie im Hochglanz-Reiseprospekt, Mangroven, aus denen die Vögel empört gen Himmel flattern, weil das Boot auf dem tiefblauen Wasser ihrem Baum zu nahe kommt. Natur pur – auf der einen Seite der Mündung des Rio Ipojuca.

Auf der anderen Seite erheben sich drohend die Verladekräne des Tiefwasserhafens. Vor mittlerweile 38 Jahren fiel der Startschuss zu diesem Mammut-Projekt, das mehr und mehr um sich greift. Bereits jetzt gilt der Hafen als zweitgrößter Brasiliens, obwohl zu seiner Fertigstellung noch ein gutes Stück fehlt. „Als sie anfingen zu bauen, lief ein Schiff im Monat Suape an“, sagt Lailson. Er blickt auf die vor der Küste ankernden und auf ihre Entladung wartenden Ozeanriesen: „Jetzt sind es 40 im Monat.“

DSC_3695Brasiliens Wirtschaft boomt. Aber der „Presidente“ und seine Fischer partizipieren nicht. Im Gegenteil: Sie leiden, sie sind hier die Verlierer des Fortschritts. Denn nicht nur Mangrovenwälder werden einfach weggebuddelt, um Platz für neue Hafenbecken zu schaffen, auch ihren Dörfern ergeht es so. Für die einst 450 Fischerfamilien aus Colonia Z08 ist kein Platz mehr. Und wenn sie noch ausharren, kämpfen sie gegen den verringerten Fang – ebenfalls zu weiten Teilen dem Hafenbau geschuldet. „Wir sind deswegen vor Gericht gezogen und erhalten jetzt 400 Reais monatlich als Ausgleich“, sagt Lailson. Seine beiden Kinder locken diese Aussichten nicht. Sie wollen keine Fischer mehr werden. Sie wollen weg, müssen weg. Wie ihnen geht es fast allen. Sie müssen raus aus dem Paradies, das nur noch teilweise eins ist.

Denn nicht nur die Verladekräne blicken über die Mangroven. Wie ein Betonmonster thront außerdem die Brücke der neuen Zufahrtstraße aus Richtung Recife über der Flussmündung. Das einzige, was zu hören ist, als der rote Fischerkahn sie unterquert, ist das Wummern der Presslufthämmer. Lailsons Pfeifen – würde hier sinnlos sein.

Text: Falk Blesken
Fotos: Carolin Kronenburg

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Im Rahmen der WM-Aktion “Steilpass. 11 Freunde für Fairness und Gerechtigkeit” reisen die Adveniat-Mitarbeiter Carolin Kronenburg und Klemens Paffhausen mit neun Journalisten durch Brasilien. In Rio de Janeiro, São Paulo, Recife und Fortaleza blicken sie auf die Probleme des Landes, sehen aber auch Hilfsprojekte und das Engagement vor Ort.