Brasilien: „Rio ist tot“

Proteste von Frauengruppen im Zentrum von Rio de Janeiro, eine Pfeil-und-Bogen-Attacke von Indigenen gegen die staatliche Entwicklungsbank BNDES, eine Demonstration mit 50.000 Teilnehmern auf den großen Avenidas, ein Zug indigener Völker vor das Kongresszentrum im Westen der Stadt, Heißluftballons von NGOs mit dem Aufruf zur ökologischen Umkehr. Rund um den „Rio+20“ Gipfel gibt es viele Protestaktionen gegen das magere Ergebnis, den blutleeren Abschlusstext, wie ihn die NGOs nennen. Aber bisher konnten die starken Sicherheitsmassnahmen rund um das „Riocentro“ die Protestwelle draußen halten.

Bis Donnerstagmittag plötzlich wildes Geschrei und lauter Applaus die pausierenden Delegierten im Innenhof zwischen den Pavillons aufschreckte. „Rio ist tot“, brüllte ein bärtiger Mann, und hundertfach wiederholten die meist jugendlichen Stimmen seine Botschaft. Es ist das OCCUPY-Prinzip der menschlichen Lautsprecher, die auf dem Boden sitzend die Worte des jeweiligen Redners nachbrüllen. Der Protest stammt von offiziellen Teilnehmern des Gipfels, meist NGO-Mitarbeiter. Einer nach dem anderen stehen sie auf und verkünden in kurzen Sätzen ihre Protestnote. Ein Mädchen aus Singapur, ein Jugendlicher aus Australien, eine Engländerin. „Das ist mein dritter UN-Gipfel“, sagt sie, „und langsam ist mir klar, dass dies hier das falsche Forum ist, um Veränderungen zu bewirken.“

„Deshalb will ich meine Akkreditierung nicht mehr haben. Sie bringt ja nichts.“ Unter lautstarkem Protest gaben 350 meist jugendliche Teilnehmer, darunter von der NGO „Friends of the Earth“, ihre Akkreditierungsmarken ab und verließen den Nachhaltigkeitsgipfel „Rio+20“.

In einer anderen Aktione wurden Teilnehmer aufgefordert, folgende Frage zu beantworten: „Was werden Ihre Enkel einmal über die Rio+20 sagen?“ Die Antwortzettel wurden an eine Wäscheleine gehängt, die auf einer der Verbindungsbrücken zwischen den Pavillons gespannt worden war. Aus der Ferne beobachteten Sicherheitsbeamte der UN die Szene. Sie wussten wohl nicht genau, wie sie auf das Eindringen der Protestbewegungen in die eigentlich isolierte UN-Wohlfühlzone reagieren sollten.

Vielleicht ist dies auch symbolisch für die allgemeine Ratlosigkeit, die zum Ende dieses seltsam apathischen Gipfels überall zu spüren ist.

Text und Fotos: Thomas Milz, Brasilien-Korrespondent