Brasilien: Über den großen Fluss und in die Wälder

Bei Nacht ist der Amazonaswald nichts weiter als eine große Dunkelheit, die sich über die Welt unter uns spannt. Manchmal spiegelt sich das Mondlicht plötzlich inmitten der unendlichen Schwärze, dann wissen wir, dass wir einen der gigantischen Flüsse unter uns haben.

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Thomas Milz (rechts) und Peter Theisen interviewen Armindo Goes Melo, Repräsentant des Yanomami-Volkes. Fotos: Jürgen Escher

Vielleicht war es gerade der Amazonas, der sich dort unten in lang gezogenen Kurven forsch dem Horizont entgegenwindet … Wir fliegen immer weiter in die Dunkelheit. Irgendwo vor uns liegt Boa Vista, die Hauptstadt des Teilstaates Roraima.

Von der Hauptstadt Brasília aus, wo sich unser Team – Jürgen Escher an den Kameras, Peter Theisen an der Videokamera und ich mit meinem Notizblock – traf, ging es für uns erst einmal steil nach Norden in die Urwaldmetropole Manaus. Viele glauben ja, dass Manaus schon der verlorenste Ort mitten im Nirgendwo sei.

Doch wir flogen noch einmal eine Stunde weiter nach Norden, hinein in die zunehmende Einsamkeit, überquerten dabei die Linie des Äquators Richtung Venezuela. Irgendwann tauchten aus der Dunkelheit des Regenwaldes dann endlich die wenigen Lichter Boa Vistas auf.

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Armindo Goes Melo, Repräsentant des Yanomami-Volkes vor dem Eingang des Yanomami-Büros „Hutukara“ in Boa Vista.

Wir sind an Brasiliens nördlichstem Punkt angelangt

Wir sind an Brasiliens nördlichstem Extrem angelangt; wer über Land, also über Straßen, die die Hälfte des Jahres schier unpassierbar sind, von Brasília nach Boa Vista fahren will, wird 4.158 Kilometer hinter sich bringen müssen. Unser Flugzeug hat Boa Vista in gerader Linie nach 2.505 Kilometern erreicht.

Unser Ziel sind die Sagen umwobenen Yanomamis, ein kriegerisches Volk, wie man lesen kann. Meinen einzigen Kontakt mit den die Grenzregion zwischen Brasilien und Venezuela bewohnenden Waldmenschen hatte ich Ende der 90er Jahre, als unser Reisebus auf der Strecke von Boa Vista an die venezolanische Grenze plötzlich von mit Pfeil und Bogen bewaffneten Gestalten gestoppt wurde. „Ruhig bleiben und nicht aussteigen“ hatte damals der verängstigte Busfahrer durchgesagt. Dann waren die Gestalten auch schon wieder weg.

Photograph Jürgen Escher hat die Yanomamis bereits vor fast 30 Jahren besucht. „Ich freue mich riesig, noch einmal zu ihnen zu kommen“, hatte er mir vor Monaten gesagt als wir erstmals über die Reise sprachen. „Gott sah, dass es gut war“- so lautet das Motto unter dem wir nun unterwegs sind; „Bedrohte Schöpfung – bedrohte Völker in Lateinamerika“, dazu werden wir in den nächsten knapp drei Wochen verschiedene indigene Völker besuchen.

„Wie wollt ihr großen Deutschen das machen?“

Jetzt sitzen wir erst einmal Armindo Goes Melo und Davi Kopenawa Yanomami gegenüber, zwei der wichtigsten Repräsentanten des angeblich so kriegerischen Volkes. Die beiden lachen die meiste Zeit, vor allem über die Deutschen mit ihrem sperrigen Portugiesisch. „Die einzige Möglichkeit, in das Dorf Watoriki zu kommen, ist mit einem Kleinflugzeug.“ Davi mustert uns kritisch. „Ich wiege 70 Kilos und brauche kein Gepäck mitzunehmen. Aber wie wollt ihr großen Deutschen das machen?“

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Armindo Goes Melo (links) und Davi Kopenawa Yanomami (rechts) , zwei der wichtigsten Repräsentanten der Yanomami, im Büro in Boa Vista.

Als wir ihn kurz zuvor im Büro der Yanomami-Organisation Hutukara trafen, war er gerade mitten in einem Diskurs über die westliche Konsumgesellschaft und deren „Männern mit Maschinen“ vertieft. Wir wollten nicht stören und packten leise unsere Aufnahmegeräte und Kameras aus, unser beeindruckendes Maschinenarsenal. Nun lautet die klare Ansage, dass wir uns auf das Wesentliche beschränken müssen wenn wir morgen in Davis Heimatdorf fliegen.

Armindo setzt derweil ein Schreiben an die staatliche Indigenenbehörde Funai auf, in dem unsere Ankunft in dem Indigenenterritorium angekündigt wird. Ohne eine ausdrückliche Genehmigung der Funai und der Duldung der Yanomamis darf kein Nicht-Indigener das Gebiet betreten. Am Nachmittag kommt die Antwort der Funai. Leider habe man kein Personal um unsere Reise zu begleiten. „Die Funai hat derzeit keine Gelder, um die Reisetagessätze ihrer Mitarbeiter zu bezahlen“, erklärt Armindo. „Kein Problem, wir kümmern uns schon um Euch.“ Er lacht.

Morgen geht es also richtig los, weiter hinein in die stillen Wälder. Wir freuen uns. Wir sind unter Freunden.