Brasilien – Weltmeister der sozialen Unterschiede

Im Stadion "Arena Castelao" in Fortaleza wird auch die deutsche Elf bei der Fußball-WM 2014 spielen - Hubertus Gärtner von der Neuen Westfälischen Zeitung macht sich auf der Adveniat-Pressereise dafür warm. Foto: Bastian Henning

In der Arena Castelao in Fortaleza wird auch die deutsche Elf bei der Fußball-WM spielen – Hubertus Gärtner von der Neuen Westfälischen Zeitung macht sich auf der Adveniat-Pressereise dafür warm. Foto: Bastian Henning

Fortaleza. Wer in einer Woche etwa 20.000 Kilometer zurücklegt und dabei in den vier brasilianischen Millionenmetropolen Rio de Janeiro, Sao Paulo, Recife und Fortaleza Station macht, der muss am Ende wohl zwangsläufig ein wenig müde und erschöpft sein. So geht es nun auch mir, der ich in den vergangenen Tagen im Land des WM-Gastgebers unterwegs gewesen bin. Veranstalter der Pressereise  war die katholische Hilfsorganisation Adveniat. Ihr Anliegen ist es, gerade vor dem Beginn der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft den Blick nicht nur auf Sport und Glamour, sondern  auch auf die sozialen Probleme zu lenken, von denen es in Lateinamerika leider immer noch viel zu viele gibt.

Touristen, die in den Nobelvierteln der genannten Millionenstädte residieren und an den feinen Stränden von Rio spazieren gehen, ahnen oft überhaupt nichts von dem Elend, das schon ein paar  Kilometer weiter beginnt. Ich durfte nun ein wenig hinter die Kulissen blicken und bin dankbar dafür. Brasilien kannte ich bislang nur aus der Literatur, den Nachrichten und den Tageszeitungen. Es wäre vermessen, zu glauben, dass man dieses gewaltige Land  binnen weniger Tage vollständig erfassen könnte. Aber ich habe zumindest begriffen, dass es hier aus den unterschiedlichsten Gründen gewaltige soziale Unterschiede gibt. Die Mängel im Bildungs- und Gesundheitswesen und die Not und Armut weiter Bevölkerungsschichten sind überall zu spüren.

Extreme Kontraste kennzeichneten auch unsere Reise. Besuchten wir am Freitag  in Fortaleza noch ein Heim für Kinder, die sexuelle Gewalt in ihren Familien oder auf der Straße erlitten haben, so konnten wir am Samstag das neue WM-Stadion berichtigen, das für umgerechnet 192 Millionen Euro umgebaut worden ist. Die deutsche  Nationalmannschaft wird hier am 21. Juni gegen Ghana spielen. Die gut 64.000 Plätze für die Begegnung seien ausverkauft, 16.000 deutsche Fans würden erwartet, sagt Pressesprecher Ciro Camara. Wir durften den Rasen der neuen Arena und sogar  die  Umkleidekabine betreten. Wir durften  uns auch in die noch leeren Entmüdungsbecken setzen.

Abgewetzt: Fußball in Rios Favela "Morro dos Prazeres". Foto: Carolin Kronenburg

Abgewetzt: Fußball in Rios Favela „Morro dos Prazeres“. Foto: Carolin Kronenburg

Mein allgemeines Lebensgefühl hat das zwar nicht schlagartig verändert, aber zu Hause kann ich während der WM-Übertragungen nun vielleicht ein bisschen besser mitreden. Mein Kopf ist voll von Eindrücken. Schöne und traurige Bilder wechseln sich unentwegt ab. Vor meinem geistigen Auge tauchen immer wieder die kleinen Jungen auf, die in der Favela „Morro dos Prazeres“ Fallrückzieher und andere Kunststücke auf einer Betonfläche üben. Ihr Spielgerät ist ein Lederball, der den Namen nicht mehr verdient. Er läuft nicht rund und besteht eigentlich nur noch aus Fetzen.

Jeder aus unserer Gruppe hatte ja kleine Geschenke mitgebracht. Nur einen neuen Lederfußball, den hatten wir alle vergessen. Sollte ich jemals wiederkommen, dann werde ich ihn aber mit Sicherheit im Gepäck haben.

Text: Hubertus Gärtner

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Im Rahmen der WM-Aktion “Steilpass. 11 Freunde für Fairness und Gerechtigkeit” reisen die Adveniat-Mitarbeiter Carolin Kronenburg und Klemens Paffhausen mit neun Journalisten durch Brasilien. In Rio de Janeiro, São Paulo, Recife und Fortaleza blicken sie auf die Probleme des Landes, sehen aber auch Hilfsprojekte und das Engagement vor Ort.

2 thoughts on “Brasilien – Weltmeister der sozialen Unterschiede

  • 19. April 2014 at 07:48
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    …ich würde auch gerne einen Fußball schicken…
    Sehr schön geschrieben!

  • 9. Mai 2014 at 10:25
    Permalink

    Schade, dass es der FIFA in erster Linie nur um den Profit geht und dass die so gern betonten Werte wie Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung kaum mehr als Worthülsen sind, die sich der Weltfußballverband nur allzu gern auf die Fahnen schreibt.

    Ich selbst wohne in Südafrika, wo die Schere zwischen Arm und Reich ähnlich weit auseinanderklafft wie in Brasilien. In der Zeit vor der Fußball WM 2010 habe ich mitbekommen, wie die Bevölkerung davon abgehalten wurde, sich etwas vom großen Kuchen der WM 2010 abzuschneiden. Die FIFA wollte diesen viel lieber unter den Sponsoren und dem eigenen Verband aufteilen. Und so wurde es den kleinen Straßenverkäufern, die seit eh und je in der Innenstadt durch den Verkauf von Waren ihren Lebensunterhalt verdienen und abends wieder in ihre Wellblechhütte zurückkehren, verboten, ebenjenes auch während der Fußball WM zu tun. Das Gebiet rund ums Stadion, die Fanmeile und die Innenstadt wurde zur Exklusivzone für FIFA-Produkte und deren Sponsoren erklärt. Oder aber den lokalen Verkäufern wurden immense Lizenzgebühren aufgezwungen.

    Nach der WM hat sich die FIFA aus dem Land zurückgezogen, als wäre nie etwas gewesen. Südafrika bleibt auf den Milliardeninvestitionen sitzen und weiß bis heute nicht, was mit den riesigen, leerstehenden Stadien anzufangen ist, die jedes Jahr aufs neue immense Instandhaltungskosten verursachen. Aber es musste ja auch unbedingt ein neues Stadion in Wassernähe mit Blick auf den Tafelberg sein. Die ursprünglichen Pläne, das bestehende Stadion im Vorort Athlone auszubauen, wurden abgelehnt. Für die FIFA muss es schon etwas Exklusiveres sein, oder es gibt kein Halbfinale in Kapstadt – so die Drohung.

    Und dann soll die FIFA noch einmal was von Nachhaltigkeit predigen. In Russland und Katar sieht es auch nicht anders aus. Gerade das winzige Katar benötigt niemals zwölf neue Stadien. Allein in Doha sollen sechs Stadien errichtet werden. Wer soll die nach der WM alle nutzen? Dass auf den Baustellen schon jetzt 450 Menschen ums Leben gekommen sind und die Gastarbeiter wie Sklaven gehalten werden, scheint die FIFA nicht groß zu interessieren.

    Ich bin gespannt, ob die Menschen während der WM ihre Füße stillhalten oder ob es zu größeren Protesten und Ausschreitungen kommt. Ich kann sie irgendwie verstehen. Was bringen den Brasilianern die schönsten Stadien, wenn noch nicht einmal Geld für die gesundheitliche Versorgung und Bildung da ist während gleichzeitig die Lebenshaltungskosten ins Unermessliche steigen…

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