Brasilien: Zur Kirche gehen

Firmung in einer kleinen Gemeinde bei Obidos.

Zur Kirche gehen. Für deutsche Ohren ist an diesem Satz so gar nichts Ungewöhnliches. Wieso auch? Wer den Gottesdienst besuchen, sein Kind für die katholische Kita anmelden oder den Pfarrer sprechen will, der macht sich eben auf den Weg und – geht zur Kirche. Für Johannes Bahlmann hat das Wort trotzdem etwas Bedenkliches. Es steht, genau genommen, für das Bild einer Kirche des Stillstands, die alle Bewegung von den Menschen erwartet. Der Bischof von Óbidos im Amazonas-Gebiet dreht die Perspektive um: Die Kirche muss zu den Menschen gehen, sie muss eine „Hingeh-Kirche“ sein. Der seit vier Jahren amtierende Bischof und seine 23 Priester machen mit diesem Anspruch Ernst. Gemeinsam sind sie für sieben Pfarreien und mehr als 600 kleine und kleinste Basisgemeinden zuständig, verteilt auf einer Fläche halb so groß wie die Bundesrepublik. Wenn die Geistlichen und etwa 20 im Bistum tätige Ordensschwestern sich nicht zu den Menschen in den Gemeinden aufmachten, läge der Kontakt alsbald brach. Die Bewohner der vielen winzigen Ufergemeinden, Ribeirinhos genannt, hätten keine Chance, eine Messe zu besuchen oder die Sakramente gespendet zu bekommen, kämen die Leute der Kirche nicht übers Wasser zu ihnen.

Bischof Johannes Bahlmann lenkt seinen Dienst-Geländewagen selbst.

Die Kirche, die unterwegs ist zu den Menschen. Bahlmann, der vor mehr als 30 Jahren nach Brasilien ging, dort dem Franziskaner-Orden beitrat und 2009 zum Bischof geweiht wurde, hat Gefallen an diesem Selbstverständnis und zieht daraus Kraft für sein pastorales Wirken. Ständig ist er mit einem kleinen Schnellboot oder einer behäbigen Barke auf dem Amazonas und seinen Nebenarmen unterwegs – so wie ein deutscher Bischof mit seinem Dienstwagen auf den diversen Autobahnen. Ein Auto hat Bahlmann auch. Aber anders als in Deutschland, lässt sich der Oberhirte von gut 200.000 Katholiken nicht in einer dunklen Limousine chauffieren. Er steuert seinen silbernen, allradgetriebenen Chevrolet-Pickup selbst über die wahlweise staubigen oder schlammigen Pisten im Hinterland von Óbidos. Der Urwald reicht bis auf wenige Kilometer an die Bistumsstadt heran, eine Gründung der portugiesischen Kolonialherren exakt dort, wo der Amazonas mit zwei Kilometern Breite seine engste Stelle überhaupt hat.

Das Leben am Fluss, auch das kirchliche Leben, ist auf eine für deutsche Verhältnisse unvorstellbare Weise entschleunigt und entspannt. Der Bischof hat Zeit für Gespräche, eine spürbare hierarchische Distanz zwischen ihm und den Gläubigen gibt es nicht. Er nimmt sie in den Arm, scherzt mit ehrenamtlichen Gemeindeleitern, wendet sich den Kindern zu, die er im Firmgottesdienst schon mal Schafherde spielen und aus vollem Hals „mäh“ machen lässt.

Wo die Kirche zu den Menschen kommt, da kommen die Menschen auch zur Kirche

Bischof Johannes Bahlmann mit einem einheimischen Kind.

Aber aus dieser lockeren Form des Miteinanders folgt nicht, dass Bahlmanns Job als Bistumsleiter und Seelsorger eine Idylle wäre. Armut, Kriminalität, eine schlechte Gesundheitsversorgung, fehlende Perspektiven für die Jugendlichen – das sind Themen, die den Bischof täglich beschäftigen. Mit Hilfe von Adveniat unterhält das Bistum Óbidos eine Vielzahl von Projekten wie zum Beispiel das Jugendzentrum Sao Francisco im gleichnamigen Stadtteil von Óbidos, der geprägt ist von hoher Kriminalität. 200 Jugendliche im Alter von zehn bis 20 bekommen im Centro Sao Francisco nach der Schule kostenlos Kurse in Englisch, Musik, Tanz und Informatik. Bildung ist wichtig. Aber genauso wichtig ist, dass die jungen Leute „von der Straße“ kommen, wie der stellvertretende Direktor Jair erzählt, und dass die Eltern Feuer fangen, sich für das interessieren, was die Kinder während ihrer Freizeit tun. Das Angebot des Centro hat sich schnell herumgesprochen im Viertel, und obwohl es erst seit gut einem Jahr besteht, ist es gut frequentiert: Wo die Kirche zu den Menschen kommt, da kommen die Menschen auch zur Kirche. Diese Erfahrung nehmen wir aus dem „brasilianischen Urlaub“ mit zurück nach Deutschland.

Text: Joachim Frank
Fotos: Bastian Henning