Brasiliens Bischöfe zur Lage der Nation

Seit einigen Wochen bereits berichtet Adveniat auf blickpunkt-lateinamerika über die schwierige politische Situation im Land, die zu einer wirklichen Krise mutiert ist. Nun haben die brasilianischen Bischöfe sich mit einer bemerkenswert deutlichen Botschaft zur Lage der Nation gewandt.

Jugendliche bei einer Demonstration im Kontext der Fußball-WM in Brasilien.

Jugendliche bei einer Demonstration im Kontext der Fußball-WM in Brasilien.

Wir dokumentieren die Erklärung in einer deutschen Übersetzung.

Erklärung der Brasilianischen Bischofskonferenz für Brasilien

 

„Menschen, die reich werden wollen, geraten nur in Versuchung und verstricken sich in so viele dumme und schädliche Wünsche, dass sie letztlich ins Verderben und in ihren eigenen Untergang stürzen. Denn die Liebe zum Geld ist die Wurzel aller möglichen Übel“ (1 Tim 6, 9-10)

 

Die brasilianische Bevölkerung begleitet besorgt die schwere Krise, die das Land heimsucht. Sie sucht die Gründe für die Krise, versucht ihren Konsequenzen zu widerstehen und, vor allem, Lösungen zu erkennen. Die Realität ist hart und bringt Situationen zurück, die, für einige Zeit, deutlich zurückgegangen waren: Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut.

Wir zahlen einen hohen Preis für den fehlenden politischen Willen zu dringenden und notwendigen politischen Reformen, die es ermöglichen würden, Brasilien auf den Weg einer Entwicklung mit sozialer Gerechtigkeit zu bringen: Reformen in den Bereichen Politik, Steuersystem, Landwirtschaft, Städtebau, Altersvorsorge und Gerichtswesen. Die Kosten der öffentlichen Schulden, die Bereinigung des Steuersystems und andere Maßnahmen zur Wiederbelebung des Wachstums bringen die öffentliche Gesundheitsversorgung auf die Intensivstation, setzen die Qualität des Erziehungswesens aufs Spiel, machen die Öffentliche Sicherheit unmöglich und hemmen wichtige soziale Errungenschaften.

Korruption, jene Metastase, die nicht nur für die staatlichen Gewalten tödlich ist, sondern auch für die Unternehmen und das soziale Netz, fordert die Politik heraus, dem Weg der Ethik und des Gemeinwohls zu folgen. Sie unnachgiebig zu bekämpfen setzt eine gründliche Untersuchung aller Anschuldigungen voraus, die jetzt ans Licht kommen sowie eine konsequente Bestrafung der Korrupten und Korrumpierenden. Die Korruption wird genährt durch eine fehlende Ethik und gefördert durch die Straflosigkeit. Sie darf nicht toleriert werden.

Dringend muss die Glaubwürdigkeit der Politik wiederhergestellt werden, in der die demokratische und umfassende Kultur gestärkt werden muss: „Eine Methode, die den Menschen nicht die Freiheit gibt, ihre Aufgabe, die Gesellschaft aufzubauen, verantwortlich zu übernehmen, ist die Erpressung (…) Kein Politiker kann seine Rolle, seine Arbeit erfüllen, wenn er durch korruptes Verhalten erpresst wird.“ (Papst Franziskus an die Vertreter der Zivilgesellschaft von Paraguay, 11. Juli 2015). Erpressung „ist immer Korruption“. Leider ist die politische Landschaft in Brasilien nicht frei von dieser zu verurteilenden Praxis.

Es ist inakzeptabel, dass das öffentliche und gemeinschaftliche Interesse sich den Einzel-, Gruppen oder Pateiinteressen unterordnen muss. Die scharfen politischen Auseinandersetzungen können die demokratische Ordnung und die Stabilität von Institutionen gefährden. Den demokratischen Rechtsstaat zu garantieren ist der politische und ethische Imperativ der Brasilianer, hauptsächlich jener Brasilianer, die die Willkür der Zeit des Ausnahmezustandes weder erlebt haben noch bezeugen können. Das Wohl Brasiliens erfordert eine radikale Veränderung der politischen Praxis.

Die Brasilianische Bischofskonferenz CNBB (vertreten durch den Pastoralrat „Consep“, während seiner Zusammenkunft in Brasilia am 25. and 26. August) erneuert den Dialog und den Kampf gegen die Korruption als Mittel zur Bewahrung und Förderung der Demokratie. An diesem Dialog müssen die Staatsgewalten und die organisierte Zivilgesellschaft teilnehmen. Gemeinsam mit Papst Franziskus, erinnern wir, dass „die Zukunft der Menschheit nicht allein in den Händen der großen Verantwortungsträger, der bedeutenden Mächte und der Eliten“ liegt. „Sie liegt grundsätzlich in den Händen der Völker; in ihrer Organisationsfähigkeit und auch in ihren Händen, die in Demut und mit Überzeugung diesen Wandlungsprozess dirigieren“ (Ansprache an die Teilnehmer am Welttreffen der Volksbewegungen, Bolivien, 9. Juli 2015).

Der Heilige Geist helfe uns, unserer Hoffnung Grund zu geben und ermuntere uns in unserer Verpflichtung, gemeinsam für das Gemeinwohl des brasilianischen Volkes zu handeln.

 

Brasilia, den 26. August 2015

 

Dom Sergio Rocha
Erzbischof von Brasilia
Vorsitzender der CNBB

 

Dom Murilo S.R. Krieger
Erzbischof von São Salvador da Bahia
Stellv. Vorsitzender der CNBB

 

Dom Leonardo Ulrich Steiner
Weihbischof von Brasilia
Generalsekretär der CNBB

 

Die Erklärung der CNBB im Originaltext (brasilianisch) findet sich hier