Santo Domingo: Dicke Luft

Warum sitzt die Lehrerin in der letzen Reihe, an der Tür? Als wir die kleine Grundschule in einem Stadtteil von Santo Domingo besuchen, sind wir geschockt. Die Klassenzimmer sind düster, haben keine Fenster, die Wände sich so dreckig, dass man nicht an ihnen entlang laufen kann, ohne sich schmutzig zu machen. Auf dem Boden liegt Müll. Die Schüler der 3. Klasse sitzen dicht an dicht, viele teilen sich zu zweit ein kleines Holzpult. 31 Kinder auf nicht viel mehr als 20 Quadratmetern. Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm, alle schreien durcheinander, vorne zieht ein Junge einem Mädchen brutal an den Zöpfen bis es weint. Weiterlesen

Dom Rep: Das große Schenken

Die Supermärkte sind schon seit Wochen geschmückt.

Der Supermarkt gegenüber dem Priesterseminar ist schon seit fünf Wochen festlich geschmückt. An der Tankstelle an der nächsten Kreuzung sind überlebensgroße Krippenfiguren aufgestellt, das Jesuskind, Maria, Josef und sogar Ochse und Esel sind von innen beleuchtet. Entlang der großen Ausfallstraßen in Richtung Norden warten ganze Herden weiß glitzernder Rentiere, Wälder von bunten Tannenbäumen und Galaxien blinkender Sterne auf Käufer.

Es weihnachtet bunt und schillernd in Santo Domingo. Das ist nicht nur Ausdruck der Vorfreude auf die gemeinschaftlichen Feiern im Kreise der Lieben. Denn die Weihnachtszeit ist in der Dominikanischen Republik die Zeit der „Geschenke“. Nein, nein, damit sind nicht die bunt verpackten Präsente gemeint, sondern ein Millionen schwerer Geldregen, der vor allem über den Reichen und Mächtigen niederprasselt. Weiterlesen

Dom Rep: Von schlafenden Polizisten

„Let op! Drempels“, steht in Holland auf den Schildern, die vor den Bremsschwellen in einer verkehrsberuhigten Zone aufgestellt sind. „Drempels“, das Wort fand ich schon als kleines Kind hübsch. Wie langweilig sind dagegen die deutschen Bezeichnungen: „Bremsschwelle“, „Bodenschwelle“, „Fahrbahnschwelle“ von „Kreissegmentschwelle“erst gar nicht zu reden. Auweia!

Dieses Auto fuhr wohl ein wenig zu schnell über einen "schlafenden Polizisten"

Jahrelang war ich der Meinung, wir sollten das holländische Wort in unseren Wortschatz aufnehmen. Bis ich nach Lateinamerika kam: In Argentinien und Paraguay nennt man die Schwellen „Lomo de Burro“: Eselsrücken. In Chile ist es der „Lomo de Toro“, der Stierrücken, in Bolivien und Peru nennt man Bremsschwellen „Rompemuella“, also Achsbrecher und in Guatemala ist es ein „Túmulo“, ein Grabhügel. Weiterlesen

„Was Haiti betrifft, betrifft auch uns“,

waren die Worte des dominikanischen Taxifahrers, als ich ihn danach fragte, welche Auswirkungen das Erdbeben in Haiti vor einem Jahr auf die Dominikanische Republik gehabt hat. „Die Zahl der Emigranten hat sich verdoppelt. Jeder ist gekommen. Wer drüben gut gelebt hat, ist gekommen. Und wer drüben schlechte gelebt hat, ist auch gekommen. Weil hier verhungert kein Haitianer. Wir sind so was wie das Taschentuch der Haitianer, das alle Tränen trocknet.“ Das ist in einigen Aspekten auch mein Eindruck hier auf der Insel: die Solidarität der Dominikaner mit der haitianischen Bevölkerung ist durch das Erdbeben sehr stark gestiegen. Die Geschwisterschaft, die sich hauptsächlich darin begründet, die selbe Insel zu bewohnen, ist gewachsen.
Trotzdem sind die Vorurteile weiterhin groß. Seit im 19. Jahrhundert der Ostteil der Insel durch den gerade unabhängig gewordenen Staat Haiti besetzt wurde und dieser auch den Sklaven der Dominikanischen Republik die Freiheit bringen wollte, herrschen große rassistische Vorurteile gegen die Haitianer. „Sie haben keine Hygiene. Sie machen ihr großes Geschäft in eine Plastiktüte, die sie dann ins Grüne werfen. Deshalb haben sie jetzt auch die Cholera. Und wenn die Haitianer jetzt bei uns sind, dann ist die Gefahr groß, dass auch wir die Cholera bekommen.“ So die weit verbreitete Meinung. Dass Haitianer wegen der fehlenden Aufenthaltspapiere 90% der schweren Arbeiten am Bau verrichten – schwarz und unbezahlt-, wird nur selten erwähnt.
Auf meine Frage, welche Zukunft er für den gebeutelten Nachbarstaat sieht, zuckt der Taxifahrer mit den Schultern. „Schau mal“, schließt er, „Deutschland war nach dem Zweiten Weltkrieg viel mehr zerstört als Haiti jetzt. Und hat heute eine blühende Wirtschaft und die Menschen leben gut. Aber Staaten wie die USA, Frankreich oder die EU haben kein Interesse daran, ein funktionierendes Haiti aufzubauen. Haiti ist denen egal.“
Ja, nicht alles, was Haiti betrifft, betrifft auch uns. Weiterlesen

Ordensschwestern in Bordellen

Brief vom 10. Januar 2011

Mit ihrem Schleier fallen sie sofort auf, wenn sie ein Bordell betreten. Aber lieber arbeiten sie auf der Straße. Dort haben sie mehr Erfolg. Die Männer, die zu ihnen kommen, verstummen spätestens dann, wenn die Frauen ihnen vor Augen halten, dass die Prostituierten, die die Männer besuchen, auch deren Töchter, Schwestern oder Ehefrauen sein könnten. Die Augen der Schwestern sind klar, ihre Gestik deutlich und ihre Arbeit überzeugend. „Wir glauben immer an den inneren Schatz der Frauen. Sie haben einen guten Kern. Frauen prostituieren sich oft, weil die Väter ihrer Kinder sie verlassen haben und sie keine Ausbildung haben, um auf anderen Wegen ihre Familie zu erhalten.“ Es gäbe auch junge Mädchen, die sich prostituieren, um Geld für Konsumgüter wie Kleidung und Handys zu beschaffen. Aber diese seien die Minderheit. Weiterlesen

Priester in der Dominikanischen Republik

Brief vom 08. Januar 2011

Vor 500 Jahren fand in Santo Domingo die erste Messe statt auf der Insel, deren „Entdeckung“ für Europa und für Amerika das Blatt der Geschichte gleich auf den Kopf stellte. Wenn wir die Jahrhunderte des Völkermordens, der Zwangstaufen, aber auch der prophetisch-anklagenden Arbeit und des sozialen Engagements überspringen, landen wir in einer Zeit, in der sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung katholisch nennt. Ihren Glauben feiern sie bei schwungvollen Liedern in meist plastikbestuhlten Kapellen, die oft mit Hilfe von Adveniat errichtet wurden. Die Diözesanpriester haben keine leichte Aufgabe. Gleich wie in Mitteleuropa ist der Drang zu konsumieren oft verlockender als die Einladung, das eigenen Leben im Licht des Glaubens zu reflektieren und soziale Gerechtigkeit auch im eigenen Lebensstil sichtbar werden zu lassen. Gleich wie in Europa ist die Verlockung groß, die pastorale Arbeit auf die Sakramente zu reduzieren. Gleich wie in Europa ist eine integrale Pastoral nur mit Hilfe engagierter Ehrenamtlicher zu schaffen: Die Ärmsten der Gemeinde werden mit Lebensmitteln bedacht; Kranke werden besucht; Apotheken und Arztpraxen werden errichtet, um den Menschen Zugang zu leistbarer medizinischer Versorgung zu ermöglichen; Schulen werden unterhalten, um den Kindern eine gute und günstige Schulbildung anzubieten; Gefangene werden besucht. Viele dieser Arbeiten, die eigentlich Aufgabe des Staates wären, übernimmt die Kirche. Trotz großem Engagements der Laien liegt die Hauptarbeit der Koordination bei den Priestern. Diese werden oftmals nach ihren Studien in sehr große Gemeinden geschickt, deren Bevölkerung materiell sehr arm ist. Die Gehälter der Priester, wie auch die Gelder für den Unterhalt der Gebäude und Einrichtungen, müssen meist ausschließlich aus der sonntäglichen Kollekte bestritten werden, da es in der Dominikanischen Republik keine Kirchensteuer oder Ähnliches gibt. Es wundert daher nicht, dass die Posten in finanziell gut gestellten Gemeinden, beim Militär oder anderen staatlichen Einrichtungen sehr begehrt sind. Weiterlesen