Kolumbien: 500 Bilder für 500 Ermordete

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Ulrike Purrer mit einer Jugendgruppe zu Besuch in der „Casa de la Memoria“. Fotos: Jürgen Escher

Das Zentrum Tumacos gleicht einem Ameisenhaufen. Straßenhändler bieten Früchte an, die allgegenwärtigen Motorräder befördern die Menschen als Taxiersatz für wenig Geld von einem Ende der Insel zum nächsten. Wir sollen die Fahrer nicht fotografieren, warnt unsere Gastgeberin Ulrike Purrer, Leiterin der Jugendarbeit der Diözese. Einige der Motorradfahrer seien gleichzeitig für viele der Ermordungen verantwortlich, stünden im Dienste der sich bekämpfenden Gruppen.

In einem schmalen Gebäude liegt die „Casa de la Memoria“, eine Gedenkstätte für die Opfer der anhaltenden Gewalt in Tumaco, die mit finanzieller Unterstützung von Adveniat aufgebaut wurde. Viermal so hoch wie im Landesdurchschnitt ist die Mordrate in der Stadt, kaum ein Jahr vergeht ohne 200 bis 300 Morde. In der „Casa“ hängen die Bilder von 500 Ermordeten. Ulrike Purrer ist heute mit ihrer Jugendgruppe vor Ort, zum ersten Mal besuchen die Jugendlichen die Gedenkstätte. Weiterlesen

Kolumbien: Leben als Ausnahmezustand

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Treffen mit Jugendlichen der Jugendpastoral in der „Casa de la Memoria“ (rechts: Ulrike Purrer). Fotos: Jürgen Escher

Die zweite Station unserer Kolumbienreise liegt im äußersten Süden, an der vom Rest des Landes isolierten Pazifikküste. Aus der Luft betrachtet liegt die 80.000 Einwohner zählende Küstenstadt Tumaco traumhaft, ein von Urwald umgebener Ort mit Badestränden. Doch bereits im Landeanflug können wir die armen Pfahlbauten sehen, die in die Mangroven hinein gebaut wurden.

Tumaco liegt auf zwei Inseln inmitten einer Bucht. Die große Mehrheit der Menschen hier sind Afrokolumbianer, die in den letzten Jahrzehnten aus den Urwaldregionen in die Stadt gezogen sind. Hier haben sie ihre Holzhütten auf Pfählen in die Uferregionen gebaut, wo sie unter prekären hygienischen Bedingungen leben. Weiterlesen

Kolumbien: Arbeiter für den Frieden

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Padre Dario im Interview mit Thomas Milz in der Krypta, die derzeit saniert wird. Fotos: Jürgen Escher

Leichter Nieselregen heißt uns willkommen, graue Wolken liegen über Bogotá, der ersten Station unserer Kolumbienreise. Vor der Basilika der Herz Jesu Kirche im armen Süden Bogotás begrüßt uns Padre Darío Echeverry González, ein Claretinerpater, der hier als Kaplan tätig ist. Und derzeit als Bauleiter. Die Kirche ist von Gerüsten umgeben, Bauarbeiter bessern die Fassade aus. Die massive, rund vier Meter große Holztür, liegt im Eingangsbereich der Kirche.

Die Kirche, die in Kolumbien unter dem Namen „Voto Nacional“ bekannt ist, repräsentiert ein wichtiges Stück Geschichte für das südamerikanische Land. „Zwischen 1898 und 1902 tobte in Kolumbien der Krieg der tausend Tage, ein Bürgerkrieg, der mit der Abtrennung Panamas von Kolumbien endete“, erzählt uns Padre Darío. Mehr als 100.000 Menschen seien ihm zum Opfer gefallen, eine nationale Katastrophe. In Erinnerung an die Opfer wurde 1902 der Bau der Kirche in Auftrag gegeben. Padre Darío führt uns in die Krypta, wo Bauarbeiter gerade dabei sind, den Boden abzutragen. Knietief steht Wasser in den engen Gängen. Weiterlesen

Kolumbien: Zwischen „falsch“ und „Erfolg“ … und dem Herz einer Mutter

Das Treffen mit ihr ergab sich rein zufällig. Nennen wir sie „Esperanza“ – auf Deutsch „Hoffnung“ – denn Hoffnung ist genau das, was ihr ganzes Wesen ausstrahlt. Esperanza ist etwa 60 Jahre alt und an ihren schwieligen Händen, dem faltigen Gesicht und den daraus hervor blitzenden Augen lässt sich erahnen, wie dramatisch ihr Leben verlaufen ist: Auf der ständigen Flucht vor der Gewalt des seit gut 50 Jahren währenden, blutigen Bürgerkriegs verschlug es sie von einer Region des Landes in die nächste, immer in der Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen. Wie tausende anderer Flüchtlinge kam Esperanza eines Tages nach Bogotá, um hier endlich ein neues Leben anzufangen. Sie brachte viele, viele Erinnerungen, ein paar Habseligkeiten und eines ihrer sieben Kinder mit: Jairo. Weiterlesen

Amerika-Gipfel: Was Europa und die USA von Lateinamerika lernen können

Eine Woche lang haben sich die Delegationen aus Nord-, Zentral und Südamerika sowie der Karibik im kolumbianischen Cartagena ausgetauscht. Hart wurde gerungen, diskutiert und kritisiert. Ein echter Amerika-Gipfel eben.

Und doch war diesmal für den europäischen Betrachter etwas anders als bei den Gipfeltreffen in Europa oder den USA. Es flogen keine Molotow-Cocktails wie in Davos oder Brüssel. Keine (bezahlten) Berufsdemonstranten versuchten die Veranstaltung zu stören. Webseiten wurden nicht gehackt, keine Innenstädte demoliert. Ganze zwei Feuerwerkskörper explodierten dieser Tage, von den internationalen Nachrichtenagenturen zu "Sprengsätzen" aufgebauscht. Tatsächliche Bilanz: Sachschäden: keine, Personenschäden: keine. Das Großaufgebot der kolumbianischen Polizei, offensichtlich auf Freundlichkeit getrimmt, hatte angespannte aber ruhige Tage in Cartagena.

Amerika-Gipfel: Wie Uncle Sam einen Ruf zerstört

Wer Cartagena schon vor dem Amerika-Gipfel gekannt hat, reibt sich verwundert die Augen. Blitzsaubere Strände, autofreie Straßen und weit und breit keine Bettler zu sehen. Die Organisatoren haben ihr "Bestes" gegeben, um die schönste Seite der kolonialen Touristenmetropole zu zeigen. Bettler, so hört man von den Nachbarn meines Hotels, seien schon vor ein paar Tagen aus dem Verkehr gezogen worden. Sie hat man während des Events direkt von der Straße geholt und in Billighotel ge- oder besser gesagt versteckt. Die Strände gereinigt, die Altstadt für den allgemeinen Verkehr gesperrt.