Charismatische Erneuerung und die „pentecostalisación“

An der Universität Rafael Landívar hatten wir einen Studientag eingelegt, um mehr über die religiöse Situation in Zentralamerika zu erfahren ( http://www.adveniat.de/blog/?p=3053 Beitrag ansehen). Die Bischöfliche Kommission Adveniat beschäftigt sich seit fast zwei Jahren mit den Transformationsprozessen der Moderne. Zu den zentralen Themen gehören „Bildung“, „Veränderungen im religiösen Feld“ und „Frauen“. Die Dialogreise der Kommission nach El Salvador und Guatemala diente dazu, diese Themen anhand konkreter Beispiele zu vertiefen und Wege kennenzulernen, wie die Ortskirchen diesen Transformationsprozessen begegnen

Dabei hatten wir uns auch mit der charismatischen Erneuerungsbewegung beschäftigt. Diese katholische Bewegung wächst in Zentralamerika stark. In nahezu jeder Pfarrei gibt es inzwischen charismatische Gruppen. Diese seien von der gesellschaftlichen Position her, so berichtete uns Karen Ponciano vom Forschungsinstitut für religiösen Angelegenheiten der Universität Rafael Landívar, im konservativen Spektrum einzuordnen. Anhänger der charismatischen Bewegung hätten bei der letzten Präsidentschaftswahl für rechte bis extrem-rechte Kandidaten gestimmt. Auf die Frage, ob es Situationen gebe, in der eine autoritäre Regierung die bessere Wahl sei, hatten 46,4 Prozent dieser Aussage zugestimmt.

Wir wollten uns selber ein Bild machen und besuchten einen Gottesdienst der charismatischen Bewegung in Guatamala-Stadt. Als wir eine halbe Stunde vorher ankamen, spielte schon eine Musikgruppe flotte Weisen, und auf den Rängen im Halbrund der Halle, die einem Amphitheater ähnlich angelegt war, tanzten und klatschten Hunderte Menschen mit. Fahnen und Tücher wurden geschwungen, und die beiden Animatoren des Programms riefen immer wieder Parolen wie „Jesus lebt“, während die Anwesenden antworteten: „Ja, er lebt!“

Gottesdienst in einercharismatischen Gemeinde in Guatemala-Stadt.

Gottesdienst in einercharismatischen Gemeinde in Guatemala-Stadt.

Die Meisten in der großen Halle schienen aus der Mittelschicht, viele aus der oberen Mittelschicht zu stammen. Der Parkplatz vor der Halle war voll. Nein, die Kirche der Armen, wie wir sie sonst auf dieser Reise durch Guatemala und El Salvador erlebt hatten, ist dies nicht.

Der Gottesdienst, von Adveniat-Bischof Franz-Josef Overbeck zelebriert, wies keine Besonderheiten auf. Doch im Anschluss wurden wir auf die Bühne gerufen, von der inzwischen der Altartisch wieder entfernt worden war. Mitglieder der Nationalleitung der charismatischen Erneuerungsbewegung legten uns ihre Hände auf den Kopf, die Schulter oder den Arm und sprachen lange Segensgebete – bunt durcheinander. „In Zungen reden“ heißt das in Lateinamerika, wenn viele Menschen ihre Bitten und Sorgen vor Gott tragen. Das hatten wir bereits bei den Maya im Quiché erlebt.

Die Gruppe aus Deutschland verabschiedet sich aus Guatemala.

Die Gruppe aus Deutschland verabschiedet sich aus Guatemala.

Die Musikgruppe beendete die Gebete mit dem Übergang in ein Lied, das fröhlich mitgesungen wurde. Auf der Bühne wie auf den Rängen schwangen die Arme dazu in der Luft. Für nüchtern-logisch erzogene Europäer wie uns war dies eine besondere Erfahrung. Manches erinnerte an die Riten, die in den Tempeln der Pfingstkirchen (iglesias pentecostales) geübt werden. Die Anthropologin Karen Ponciano von der Universität Rafael Landívar hatte dies wissenschaftlich-nüchtern als „pentecostalisación“, also als Verpfingstkirchlichung bezeichnet. Und sie hatte damit auch gemeint, dass die katholische Kirche, die früher nur eine Linie hatte, heute bereits in verschiedenen Ausprägungen erlebbar sei: Bei der Charismatikern, in den Gottesdiensten der konservativen Bewegungen wie des Opus Dei, in den (progressiven) Basisgemeinden oder den mit Maya-Traditionen verwobenen Gottesdiensten auf Land. Eines ist allen Gruppen gemeinsam: Sie greifen zurück auf Traditionen aus der Volksreligiosität.

Gestern, bei der Vollversammlung der Guatemaltekischen Bischofskonferenz, hatten sich die Bischöfe einen halben Tag lang Zeit genommen, um mit uns über dieses und andere Themen zu reden. „ Wir haben festgestellt, dass die evangelikalen Bewegungen und die Pfingstkirchen wachsen“, sagte Bischof Overbeck vor der Vollversammlung. „Ähnlich zur Situation Deutschland, gibt es auch hier noch keine fertigen Konzepte als Antwort auf diese Herausforderung.“

Die Volksreligiosität, so Bischof Overbeck, sei in Guatemala außerordentlich lebendig. In der Zeit des Bürgerkriegs, als viele Priester und Ordensleute das Land verlassen mussten, war sie für die Menschen das einzige Band zum Glauben. „Diesen Schatz gilt es wertzuschätzen und mit der ursprünglichen Kraft des Evangeliums zu verbinden. Ausgehend von der Theologie des Volkes Gottes kommt den Laien dabei eine wesentliche Rolle zu. Daraus ergibt sich ein neues Miteinander der verschiedenen Berufungen.“

Gruppenbild: Die Reisegruppe der Bischöflichen Kommission Adveniat zu Gast bei der Vollversammlung der Guatemaltekischen Bischofskonferenz.

Gruppenbild: Die Reisegruppe der Bischöflichen Kommission Adveniat zu Gast bei der Vollversammlung der Guatemaltekischen Bischofskonferenz.

Der Adveniat-Bischof verwies auch auf die „Misiones Populares“, die wir im Bistum Jalapa kennengelernt hatten. „Ausgehend von der V. Generalversammlung in Aparecida und der kontinentalen Mission, sind die Misiones Populares eine erste Antwort auf die Herausforderung dieser Transformationsprozesse.“ Auch die Misiones Populares führten zu partizipativen pastoralen Planungsprozessen. Dies geschehe in einem Verbund von Diözesen: Die Diözese Jalapa mit ihrem Bischof Julio Cabrera entwickelte die Misiones Populares gemeinsam mit anderen Bistümern im Osten Guatemalas. Für diese Region des Landes sei dies der eingeschlagene Weg als Antwort auf die Transformationsprozesse der Moderne, sagte der Vorsitzende der Guatemaltekischen Bischofskonferenz,Rodolfo Valenzuela. In den anderen Regionen sein man noch auf der Suche nach geeigneten Wegen.

Text: Christian Frevel
Fotos: Jürgen Escher